Mädchen und Jungen in Maguindanao, Philippines

Interview mit Entwicklungsminister
Dr. Gerd Müller

„Eine Welt ohne Hunger ist möglich”

Wo stehen wir aktuell im Kampf gegen den Hunger weltweit? Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie im Globalen Süden? Wie kann Deutschland seine Vorreiterrolle im Kampf gegen den Hunger ausbauen? Was kann die deutsche Politik tun, um ärmere Länder zu unterstützen? Wir haben Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller gefragt. Unterstützt wurden wir dabei von Schüler*innen unseres Bildungs- und Sportprojekts „Schulen gegen den Hunger“.

Herr Minister Müller, in einer Welt des Überflusses steigt seit 2014 die Zahl der Hungernden wieder an. Aktuell sind es 690 Millionen Menschen. Sie sagten einmal „Hunger ist Mord“. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe dafür und was muss passieren, um den globalen Hunger wirksam zu bekämpfen? 

Ich bin fest überzeugt: Eine Welt ohne Hunger ist möglich. Deswegen sage ich auch: Hunger ist Mord, da wir dies ändern könnten. Wir haben das Wissen und die Technologien, alle Menschen auf diesem Planeten zu ernähren. Internationale Forscherinnen und Forscher haben jetzt ermittelt, wie das konkret gelingt: Mit einer grünen Agrarrevolution und Investitionen von jährlich 14 Milliarden Dollar zusätzlich durch die Industrieländer bis 2030. Damit verbessern wir die Produktion von Nahrungsmitteln. Etwa durch neue Sorten, die an den Klimawandel angepasst sind, durch ökologische Anbaumethoden oder durch neue Silos, damit weniger Getreide nach der Ernte verrottet. 14 Milliarden sind sehr viel, aber absolut machbar. Katar baut für die Fußball-WM für viele Milliarden Dollar klimatisierte Stadien in der Wüste, was ich für einen Irrsinn halte. 2.000 Milliarden Dollar gibt die Welt jährlich für Rüstung und Verteidigung aus. Das Wissen ist also da. Jetzt bedarf es weltweit des politischen Willens, dieses Missverhältnis zu ändern. 

Diese Frage haben auch viele unserer Schüler*innen gestellt: Die Corona-Pandemie hat die ganze Welt erschüttert. Welche Auswirkungen hat COVID-19 im Globalen Süden auf die Ernährungssysteme und den Hunger?  

Durch den Lockdown sind Versorgungsketten zusammengebrochen – mit dramatischen Folgen in den Entwicklungsländern: Experten schätzen, dass zwei Millionen Menschen an Tuberkulose, Aids und Malaria sterben, weil Medikamente zur Behandlung nicht mehr ankommen. Im Augenblick geht nur jedes zehnte Kind zur Schule – viele Kinder werden vermutlich nie wieder zur Schule zurückkehren. Dazu kommt Hunger, weil Lieferketten ausfallen, Bauern nicht die Ernten verkaufen können. Allein in diesem Jahr fallen dadurch 130 Millionen Menschen in Hunger und Armut zurück. Das ist mehr als die Bevölkerung Deutschlands, Österreichs und der Schweiz zusammen! Fast 300 Millionen Menschen haben bereits ihre Arbeit verloren. Ohne Kurzarbeitergeld oder Sozialprogramme stehen sie vor dem Nichts. An diesen Folgen der Pandemie sterben mehr Menschen als am Virus selbst. Die COVID-19-Pandemie ist so längst zu einer Polypandemie geworden – einer globalen Mehrfach-Krise, welche die Menschen in Entwicklungsländern am härtesten trifft. 

Wie hat das Entwicklungsministerium seit Beginn der Pandemie reagiert, um von Hunger und Armut betroffenen Menschen im Globalen Süden zu helfen? Auch diese Frage haben viele unserer Schüler*innen gestellt. 

Deutschland hat als einziges europäisches Land ein weltweites Corona-Sofortprogramm mit drei Milliarden Euro umgesetzt. Damit sichern wir die Ernährung und die Medikamentenversorgung von Millionen Menschen, insbesondere in Flüchtlings- und Krisenregionen – zusammen mit dem Welternährungsprogramm, UNICEF und deutschen Hilfsorganisationen. Im Irak bauen wir beispielsweise Behelfskrankenhäuser für 14.000 Patienten und verdoppeln so die intensivmedizinischen Kapazitäten im Land. In Äthiopien stellen unsere Experten die Produktion auf Millionen neuer Schutzmasken um. So bleiben Zehntausende Näherinnen in Arbeit. Das ist ein wichtiges Zeichen der globalen Solidarität. Aber die Versorgungssituation spitzt sich weiter zu. Ich würde mir wünschen, dass auch die Europäische Union jetzt entschlossen hilft und ein Stabilisierungs- und Wiederaufbauprogramm für Entwicklungsländer auflegt.

Oft wird Hunger systematisch als Kriegswaffe eingesetzt. In der Corona-Krise hat UN-Generalsekretär Guterres zu einem Globalen Waffenstillstand aufgerufen. Kriege und Konflikte sind zentrale Ursachen für den Hunger weltweit. Stimmen Sie dem zu?  

Ja. Wir brauchen politische Lösungen für die Konflikte. Sonst werden wir den Hunger nie besiegen. Das zeigen Studien ganz deutlich: Wo es Flucht, Vertreibung und Konflikte gibt, gibt es Hunger. Und wo Menschen hungern, gibt es Konflikte. Diesen Teufelskreis müssen wir endlich durchbrechen.  

80 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht – so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Zum Beispiel in der Sahelregion – direkt vor Europas Haustür. Durch den Terror von Boko Haram mussten schon 3.000 Schulen schließen. Kinder können wegen der Terrorgefahr nicht mehr zur Schule gehen, haben so keine Perspektiven. Vielfach herrscht Hunger und Not. Und COVID-19 verschärft die Lage. 

Wir haben deshalb ein weltweites Corona-Sofortprogramm gestartet, um diesen Menschen zu helfen. Denn den Hunger zu bekämpfen ist nicht nur überlebenswichtige Nothilfe. Hungerbekämpfung ist auch vorausschauende Friedenspolitik. 

Die Weltgemeinschaft hat sich mit dem SDG 2 der Nachhaltigen Entwicklungszielen vorgenommen, den Hunger auf der Welt bis 2030 zu beenden. Wo stehen wir aktuell und was muss konkret passieren, um das zu erreichen? Und wie kann Deutschland seine Vorreiterrolle im Kampf gegen den Hunger ausbauen?  

Beim Kampf gegen den Hunger waren wir auf einem guten Weg: Seit 1990 konnte die Zahl der Hungernden um 200 Millionen verringert werden, obwohl zwei Milliarden Menschen neu auf die Welt gekommen sind.  Ein großer Erfolg - auch dank des großen Engagements vieler Hilfsorganisationen.  

Aber in den letzten Jahren nimmt die Zahl der Hungernden wieder zu. Die Corona-Pandemie verschärft die Situation dramatisch: 130 Millionen Menschen fallen durch die Folgen der Pandemie in Hunger und Armut zurück. Durch die Kontaktsperren brechen Versorgungs- und Lieferketten zusammen. Bauern können ihre Ernten nicht einholen oder neu aussäen. Jeden Tag verhungern so 15.000 Kindern. 

Deshalb müssen wir die Ernährungssicherung, insbesondere in den Krisen- und Konfliktregionen verstärken. Und gleichzeitig Innovationsschübe in der Landwirtschaft auslösen. Deutschland hat dazu eine Sonderinitiative „Eine Welt ohne Hunger“ gestartet. In Afrika und Indien haben wir etwa 15 Grüne Agrarzentren gegründet, die zeigen, wie es gehen kann. Zum Beispiel haben wir in Burkina Faso eine Reissorte aus Asien und neue Produktionsmethoden eingesetzt und innerhalb von drei Jahren den Ertrag verdreifacht. 

Eine spannende Frage von unseren Schüler*innen: Was können wir als Klassengemeinschaft gegen die Hungersnot während COVID-19 tun? Wie kann man als Schüler*in den Menschen in Afrika konkret helfen?  

Ich finde es toll, wenn Schülerinnen und Schüler selbst vorangehen. Für Schulklassen hat das Entwicklungsministerium ein „Aktionsgruppenprogramm“ ins Leben gerufen. Damit unterstützen wir die Umsetzung Eurer eigenen Projekte – zum Beispiel wenn Ihr Eure Schule auf Fair Trade-Produkte umstellt, oder eine Aktion zum Handy-Recycling startet. Ansonsten könnt ihr als Klasse auch eine Spendenaktion unterstützen, zum Beispiel von einer Hilfsorganisation wie Aktion gegen den Hunger. Die Arbeit der Hilfsorganisationen für die Ärmsten der Armen ist mitten in der Corona-Pandemie wertvoller denn je.  

Und auch Transparenz ist unseren Schulen wichtig: Herr Müller, sind Sie darüber informiert, ob die finanziellen und materiellen Hilfen, die seitens Ihres Ministeriums für die sogenannten „Entwicklungsländer“ aufgebracht wurden, für den Zweck eingesetzt worden sind, für den sie gedacht waren?  

Ja, das ist mir ganz wichtig: Die Hilfen müssen auch bei den Menschen ankommen. Kein Euro darf in korrupten Kanälen landen. Um das sicherzustellen, lassen wir unsere Projekte von externen Prüfern kontrollieren. Und wir haben ein unabhängiges Institut gegründet, das die Wirksamkeit unserer Maßnahmen regelmäßig überprüft. So stellen wir sicher, dass wir mit unseren Projekten tatsächlich die Ergebnisse erreichen, die wir uns vorgenommen haben.  

Wir sprechen auch ganz offen mit unseren Partnerländern über den Kampf gegen Korruption, gute Regierungsführung und die Einhaltung der Menschenrechte. Wenn Regierungen hier keinerlei Fortschritte machen, beenden wir – falls nötig - die Zusammenarbeit mit den Regierungen. Dann arbeiten wir direkt mit den Kirchen oder zivilgesellschaftlichen Organisationen. Denn Menschen, die von Hunger und Not bedroht sind, unterstützen wir weiterhin in allen Entwicklungsländern. Das ist eine humanitäre Verpflichtung. 

Sie setzen sich leidenschaftlich und bestimmt für den Kampf gegen Hunger ein. Nun haben Sie entschieden, ihr Amt am Ende der Legislaturperiode niederzulegen. Werden Sie sich nach dem Ausscheiden aus der Politik weiter für eine Welt ohne Hunger engagieren? 

Natürlich, Ernährungssicherung ist für mich eine Überlebensfrage der Menschheit – gleichauf mit dem Klimaschutz. Deswegen habe ich noch viel vor. Nach fünf Jahren im Europaparlament und 27 Jahren im Bundestag möchte ich aber einen Generationenwechsel ermöglichen. Aus UN-Kreisen kam dann die Anfrage für die UNIDO, die Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung. Deren Arbeit dreht sich genau um die Themen Afrika, Technologie-Transfer und Modernisierung der Landwirtschaft. Da könnte ich nahtlos für eine Welt ohne Hunger anknüpfen. Aber das ist ein vollkommen offenes Verfahren mit anderen starken Kandidaten. Mal sehen, ob das meine nächste Station wird. 

Lieber Herr Minister Müller, vielen Dank!

Dr. Gerd Müller
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Dr. Gerd Müller ist seit 2013 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Mit dem „Marshallplan für Afrika“ engagiert er sich in besonderem Maße für den afrikanischen Kontinent. Weitere Schwerpunktthemen sind die ländliche Entwicklung, die weltweite Ernährungssicherung mit der Zielsetzung „Eine Welt ohne Hunger“ sowie die Förderung von wirtschaftlicher Kooperation.

Das Bildungs- und Sportprojekt „Schulen gegen den Hunger“ macht Schüler*innen auf das weltweite Problem der Mangelernährung aufmerksam und ermöglicht es ihnen, sich auf sportliche Weise sozial zu engagieren. An unserer Fragerunde mit Minister Müller haben sich Schüler*innen des Antoniuskollegs Neunkirchen-Seelscheid (Neunkirchen), des Graf-Adolf-Gymnasiums (Tecklenburg) und des Ostendorfer-Gymnasiums (Neumarkt i. d. Oberpfalz) beteiligt. Vielen Dank!

29. MÄRZ 2021
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