Ein Gesundheitsmitarbeiter von Aktion gegen den Hunger geht mit Frauen am Tisch Arbeitsblätter zum Thema mentale Gesundheit durch.

Die Vertriebenen in Burkina Faso: Die Psyche leidet unter der Flucht

In Burkina Faso herrscht seit vier Jahren eine humanitäre Krise: Extremwetter, Unterdrückung und Konflikte zwingen Millionen Menschen zur Flucht innerhalb des Landes. Den Vertriebenen fehlt es nicht nur an Ressourcen wie Wasser und Lebensmitteln, sie leiden auch psychisch sehr. Mitarbeitende von Aktion gegen den Hunger sind für sie da. 

Psychische Gesundheit in Notsituationen: Burkina Faso

Psychische Gesundheit und Wohlbefinden für alle Menschen weltweit – das ist auch eines der Ziele von Aktion gegen den Hunger. Unsere Teams geben Menschen weltweit psychosoziale Unterstützung, die unter den Auswirkungen von Konflikten, Flucht und Hunger leiden. So auch in Burkina Faso.

Das Land ist seit 2018 Schauplatz zahlreicher Gewalttaten. Die Sicherheitslage verschlechtert sich rapide. Allein 2022 gab es zwei Militärputsche – am 24. Januar und zuletzt am 30. September. Regelmäßig kommt es zu Kämpfen und Anschlägen zwischen befeindeten Gruppen. Die Zivilbevölkerung leidet darunter am meisten. Viele sind zur Flucht gezwungen, um sich und ihre Familien zu schützen. Humanitäre Bedarfe steigen immer weiter an. 

Über 20 Millionen Menschen leben in Burkina Faso – 3,45 Millionen davon sind von Ernährungsunsicherheit betroffen. Fast jede*r Zehnte wurde durch die anhaltenden Konflikte vertrieben und ist nun innerhalb des Landes auf der Flucht, über die Hälfte davon sind Frauen.
Viele fliehen in die Region Ost. Die größte Stadt der Region, Fada N’Gourma, 200 Kilometer östlich der Hauptstadt Ouagadougou, sieht einen anhaltenden Zustrom von Vertriebenen. 

Psychologische Notlage: Ursachen und Anzeichen 

„Ich war gerade bei meinen Eltern im Dorf, als bewaffnete Personen kamen und die Dorfbewohner vertrieben. Ich war völlig verzweifelt, schon das kleinste Geräusch versetze mich in Panik. Dieses Leben konnte ich nicht mehr ertragen, deshalb habe ich meine Mutter gebeten, Hilfe zu suchen“, erzählt Mariam. Sie ist eine Binnenvertriebene aus Kongoussi in der Region Centre-Nord und konnte sich einer Mitarbeiterin von Aktion gegen den Hunger in einer Therapiesitzung anvertrauen. 

Die viele Gewalt und die Zwangsumsiedlungen trennen Familien. Viele Menschen werden Opfer oder Zeugen von schweren Gräueltaten. Vertriebene finden sich in extremer Armut wieder, ihres Hab und Gut beraubt. Dort, wo sie aufgenommen werden, leben sie unter prekären Bedingungen und können kaum etwas daran ändern. Kinder und Jugendliche mussten die Schule abbrechen, Erwachsene können ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen. Weil sie nichts haben, können sich viele Geflüchtete nur wenig zu Essen leisten. All das führt für sie zu einem Verlust der Würde. 
Um sich und ihre Familien zu versorgen, gehen Frauen und Mädchen große Risiken ein. Sie sind besonders bedroht von geschlechtsspezifischer Gewalt, etwa Ausbeutung und Missbrauch. 

„Zwangsumsiedlung, Bombardierungen, Zeuge oder Opfer von Gewalt zu sein, der Verlust eines geliebten Menschen – das sind die Hauptursachen für psychische Not.“

Alassane Abdou Djibo, Aktion gegen den Hunger Burkina Faso

„Bei der Aufnahme in unsere Betreuungseinrichtungen weisen viele Erwachsene eine Vielzahl von Störungen auf. Schlafstörungen sind mit 87 Prozent das Hauptproblem; 56 Prozent der Menschen klagen über Traurigkeit, 67 Prozent über Angstzustände und fast 30 Prozent über emotionale Störungen“, sagt Alassane Abdou Djibo, stellvertretender Abteilungsleiter für psychische Gesundheit, psychosoziale Unterstützung und Schutz in Burkina Faso. 

Psychische Probleme sind oft „unsichtbare“ Wunden. Sie werden daher neben stärker sichtbaren Problemen wie Nahrungsmangel oder Wohnungsnot in den Hintergrund gedrängt. Darüber hinaus können psychische Erkrankungen aus kultureller Sicht als göttlich, mystisch oder sogar tabu erscheinen. Menschen mit psychischen Erkrankungen werden dadurch schnell als „verrückt“ abgetan. „Wir betreiben daher viel Aufklärungsarbeit über psychische Gesundheit. Wer zu unseren Aufklärungssitzungen kommt, versteht danach, dass man auch psychische Probleme haben kann, ohne gleich als verrückt zu gelten“, erklärt Fatimata Drabo, Leiterin des Programms Psychische Gesundheit, psychosoziale Unterstützung und Schutz bei Aktion gegen den Hunger in Fada N’Gourma, Burkina Faso.  

Was macht Aktion gegen den Hunger für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung?

Seit 2008 ist Aktion gegen den Hunger in Burkina Faso tätig. In der Region Ost konzentrierten sich unsere Maßnahmen zuerst auf Prävention und Behandlung von Mangelernährung. Seit sich die Sicherheitslage im Land aber verschlechtert hat, wächst ein Projekt zur Behandlung von Psychotraumata auch über den Osten heraus bis in die Regionen Sahel und Nord. Das Programm soll Menschen helfen, die unter den bewaffneten Konflikten in diesen Regionen leiden. 

Das Projekt zielt darauf ab, alle gefährdeten Menschen in psychischer Not zu betreuen: Männer, Frauen, Jungen und Mädchen ab 6 Jahren. Es soll ihr Wohlbefinden und ihre Widerstandsfähigkeit verbessern. Unsere Teams machen Aufklärungsveranstaltungen zum Thema psychische Gesundheit und führen Gruppen- und Einzeltherapien durch. Außerdem werden Helfer*innen aus den Regionen in psychologischer Erster Hilfe geschult, die den Menschen in ihren Gemeinden direkt helfen können. 

„Unsere Maßnahmen sollen nachhaltig sein, daher schulen wir Gesundheitshelfer*innen in psychologischer Erster Hilfe, damit sie die ersten Anzeichen psychischer Not in ihrer Gemeinde erkennen können, zuhören können und mit Menschen in Not kommunizieren können. So können sie Betroffenen so früh wie möglich eine Behandlung ermöglichen“, erklärt Abdou Djibo. 

„Seit ich in Fada angekommen bin, hat sich mein Leben verändert – ich bin endlich wieder glücklich. Ich lebte in Angst und Trauer, aber jetzt kehrt nach und nach Ruhe ein. Die psychosozialen Helfer haben uns sehr unterstützt und uns gut betreut. Wir wissen nun, wie wir mit unseren Problemen umgehen müssen und sind überzeugt, dass es uns auch zukünftig nützen wird.“

Assimi Kaore, Vertriebene aus Burkina Faso

Herausforderungen auf nationaler Ebene

Fast 40 Prozent der über 18-Jährigen in Burkina Faso haben schon einmal an einer psychischen Erkrankung gelitten. Es gibt im Land noch immer zu wenige Akteure, die auf diesen Bedarf reagieren. 

Aktion gegen den Hunger plädiert daher auf mehr Berücksichtigung der Komponenten psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung in den Leitlinien des burkinischen Gesundheitsministeriums. 

Insbesondere in unruhigen Zeiten wie diesen muss die Reaktion auf psychische und psychologische Probleme schneller und gründlicher passieren. Organisationen und damit verbundene Gesundheitsdienste müssen qualifiziertes Personal bereitstellen, um so vielen Betroffenen wie möglich eine sinnvolle und effektive Behandlung zu gewährleisten und das Wohlbefinden der Menschen zu verbessern. 

Seit 2020 hat Aktion gegen den Hunger den Bereich psychische Gesundheit in Burkina Faso ausgeweitet und folgende Aktivitäten ermöglicht:

  • 212 Aufklärungssitzungen zu psychischer Gesundheit, die 8.391 Menschen erreichten; 
  • 10.138 Personen erhielten Schulungen zum Thema psychische Gesundheit;  
  • 4.937 Personen mit fortgeschrittenen posttraumatischen Stresssymptomen konnten betreut werden; 
  • 4 764 Personen konnten ihr Wohlbefinden verbessern und reduzierten die Anzeichen von posttraumatischem Stress nach sechs Betreuungssitzungen; 
  • 980 Personen (Gesundheitsdienstleister, Sozialarbeiter und Gemeindeleiter) wurden in psychologischer Erster Hilfe, Stressbewältigung und Grundkenntnissen über geschlechtsspezifische Gewalt geschult.
Unterstützen Sie unsere Arbeit in Burkina Faso und weltweit!
8. NOVEMBER 2022
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