Flüchtlingskatastrophe im Irak

Es ist nichts, worauf ich stolz bin – aber nach 20 Jahren humanitärer Hilfe bin ich nicht so leicht zu überwältigen. Ich habe schon viele Projektreisen unternommen, um mir selbst ein Bild von der unglaublichen Arbeit zu machen, die Aktion gegen den Hunger weltweit leistet. Dabei habe ich viele entsetzliche Dinge mitansehen müssen. Und obwohl mich diese Dinge bewegen, bin ich gegenüber den vielen Schrecken dieser Welt mittlerweile ein Stück weit abgehärtet. Dieser psychologische Selbstschutz ist in meinem Beruf unvermeidlich. Doch heute war es anders. Was ich heute gehört habe, wird mich noch sehr lange Zeit begleiten.

Ich bin zurzeit in Dahuk, der kurdischen Region des Irak, wohin vor kurzem mehr als eine halbe Million Menschen vor den Terrormilizen geflohen sind. Nach Dahuk kommen Zivilisten. Sie wollen ihre Familien vor der Brutalität beschützen, die wir im Fernsehen mitansehen müssen. Es sind Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen: Sunniten, Schiiten, Christen und Jesiden.

Heute war ich bei einer Lebensmittelausgabe von Aktion gegen den Hunger in Zaxo dabei. In der Stadt, die etwa eine Autostunde von Dahuk entfernt liegt, haben unsere Mitarbeiter über 5.000 Menschen mit einer Monatsration Nahrung versorgt. Die logistische Leistung war beeindruckend: Ein LKW nach dem anderen traf ein, die Lebensmittel wurden abgeladen und an Flüchtlinge verteilt, die sich zuvor registriert hatten. Und das alles bei 45 Grad Hitze inmitten von Staub und Lärm.

Verteilung von Hilfsgütern © Rob Holden

Verteilung von Hilfsgütern

Während der Verteilung kam ich mit einem jungen Jesiden ins Gespräch, dessen Namen ich zu seinem Schutz nicht nennen werde. Er erzählte mir, dass er Englischlehrer ist und vor den Kämpfen mit seiner Familie in Sindschar gelebt hat. Er lud mich zum Tee mit seiner Familie auf einer nahegelegenen Baustelle ein, wo er gemeinsam mit fünf anderen Familien Unterschlupf in einem halbfertigen Haus gefunden hatte. Brüder, Schwestern, Eltern und Großeltern – alle lebten dort zusammen auf engstem Raum. Sie haben süßen Tee, der hier ein Grundnahrungsmittel ist, für mich zubereitet und mir dafür gedankt, dass Aktion gegen den Hunger Nahrungsmittel, Trinkwasser und sanitäre Anlagen für die Flüchtlinge bereitstellt. Dann erzählten sie mir ihre Geschichten.

Die Erzählungen drehten sich immer um das gleiche Thema. Dass die bewaffneten Truppen rasant vorrückten und die Armee sofort in die Flucht schlugen. Und so schnell wie sie einfielen, begannen sie auch mit dem Töten. Sie haben junge Männer erschossen und alle, die sich ihnen nicht umgehend anschließen wollten. Sie haben ganze Gruppen von jungen Frauen verschleppt. Viele von ihnen wurden nie wieder gesehen. Die Kinder der Ermordeten haben sie lebendig begraben. Diejenigen, die nicht ums Leben kamen, sind geflohen.

Die Familienangehörigen erzählten mir davon, wie sie mit anderen Flüchtlingen neun Tage in den Bergen verbracht haben, bei sengender Hitze, mit kaum etwas zu essen oder zu trinken – nicht einmal für die Kinder oder die Alten. Viele von ihnen sind umgekommen. Und sie erzählten mir von den Hunderten Kilometern, die sie anschließend zurücklegen mussten, um den dürftigen Schutz dieses halbfertigen Hauses zu erreichen. Die Menschen, die ich getroffen habe, waren Lehrer, Professoren, Ingenieure, Dorfvorsteher, junge Männer und Frauen mit ihren Kindern. Alle von ihnen haben das Gleiche durchgemacht.

Beim Abschied schüttelte mir der junge Mann die Hand. Er sagte: Vielen Dank für das, was Aktion gegen den Hunger für uns tut. Aber wir alle hoffen, dass wir diese Hilfe nicht mehr lange annehmen müssen. Wir sind gut ausgebildet und haben unseren Stolz. Wir wollen selbst für unsere Kinder sorgen und ihnen eine bessere Zukunft bieten. Bitte sagen Sie mir, wo ich das kann. Mehr will ich nicht.“

Weil viele großzügige Spender uns unterstützen, kann ich als Geschäftsführer von Aktion gegen den Hunger Frankreich versichern: Diese Menschen erhalten genug Nahrung und Wasser, um zu überleben. Aber was sie wirklich brauchen, ist eine internationale Gemeinschaft, die ihnen wirklich das gibt, was sie verdienen. Eine Perspektive und die Möglichkeit, etwas Wertvolles zu tun. Denn die Menschen möchten ihr Leben mit Stolz wieder aufbauen. Ich finde, dieser Wunsch ist absolut vertretbar. Sie nicht auch?

Mike Penrose, Geschäftsführer Aktion gegen den Hunger Frankreich

Fotos: Rob Holden

20. JULI 2017
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