Mitarbeitende von Aktion gegen den Hunger

Das Massaker in Muttur verstehen

Am 4. August 2006 wurden auf dem Gelände von Aktion gegen den Hunger im srilankischen Muttur 17 humanitäre Helfende ermordet, während sie der vom Tsunami und vom Konflikt betroffenen Bevölkerung halfen. Dieses Massaker, eines der schwersten, das je an humanitären Helfenden verübt wurde, ist bis heute ungesühnt geblieben. Seit fast 20 Jahren kämpft Aktion gegen den Hunger unermüdlich für Wahrheit und Gerechtigkeit, verurteilt die mangelhaften Ermittlungen und fordert die internationale Gemeinschaft auf, die Verantwortlichen zu benennen und den Opfern Gerechtigkeit zu verschaffen. #NeverForgetNeverGiveUp #JusticeForMuttur 

Die Genfer Konventionen besagen eindeutig, dass der Schutz von Zivilist*innen und humanitären Helfenden auch in Kriegszeiten unantastbar ist. Obwohl all unsere 17 Mitarbeitenden eindeutig als humanitäre Helfende gekennzeichnet waren, wurden sie in ihren Büros attackiert, während sie der Bevölkerung nach dem Tsunami zur Seite standen. Der Angriff auf unsere Kolleg*innen ist ein Kriegsverbrechen. Wir trauern mit den Familien der Opfer und erinnern an:

M. Narmathan, I. Muralitharan, R. Arulrajah, T. Pratheeban, A. Jaseelan, G. Kavitha, K. Kovarthani, V. Kokilavathani, S. Romila, M. Ketheswaran, M. Rishikesan, S.P. Anantharajah, G. Sritharan, S. Koneswaran, S. Ganesh, Y. Kodeeswaran und A.L.M. Jawffar.

Aktion gegen den Hunger in Sri Lanka

Aktion gegen den Hunger war seit 1996 in Sri Lanka und seit 2001 in Muttur aktiv. Die Organisation führte dort Programme in den Bereichen Wasser, Hygiene und Sanitärversorgung sowie Projekte zur Ernährungssicherung durch.

Nach dem Tsunami vom 26. Dezember 2004 intensivierte die Organisation ihre Aktivitäten vor Ort erheblich. Rund 150 Tonnen Hilfsgüter wurden entsandt und es wurden mehr als 16 Millionen Euro an privaten Spenden mobilisiert, um auf die humanitäre Notlage zu reagieren, den Zugang zu Trinkwasser wiederherzustellen und die Überlebenden des Tsunamis zu unterstützen. Aktion gegen den Hunger verließ das Land im Jahr 2008.

Ein komplexes geopolitisches Umfeld

Zwischen 1983 und 2009 kam es in Sri Lanka zu einem gewaltsamen Konflikt zwischen der von der singhalesischen Mehrheit dominierten Regierung und den „Liberation Tigers of Tamil Eelam” (LTTE), einer tamilischen Separatistenbewegung, die die Gründung des unabhängigen Staates „Tamil Eelam” anstrebte.

Im Jahr 2006 befand sich Sri Lanka in einer akuten Phase seines Bürgerkriegs.

Der Nordosten des Landes, einschließlich der Städte Trincomalee und Muttur, war ein besonders militarisiertes Gebiet. Es kam dort zu häufigen Zusammenstößen und Bombenanschlägen. Zudem wurden Zivilist*innen massenhaft vertrieben und es waren mehrere Autoritäten präsent: die srilankische Armee, die LTTE und paramilitärische Gruppen.

Zur Erinnerung

  • 1.–2. August: Die „Liberation Tigers of Tamil Eelam” (LTTE) greifen Muttur an und erobern die Stadt rasch. Die sri-lankische Armee startet daraufhin einen Gegenangriff, begleitet von heftigen Bombardements in der Region. Tausende Zivilist*innen fliehen.
  • Am 3. August werden 17 humanitäre Helfende von Aktion gegen den Hunger in den Büros der Hilfsorganisation eingeschlossen, obwohl das Internationale Komitee vom Roten Kreuz versucht hat, sie zu evakuieren, was jedoch aufgrund der Kämpfe scheitert. Am Abend des 3. August wird das Büro mit Aktion-gegen-den-Hunger-Flaggen und -Aufklebern so gut wie möglich sichtbar gemacht. Die Polizei von Trincomalee bestätigt gegenüber Aktion gegen den Hunger, dass die in Muttur anwesenden Polizisten und Soldaten sich der Anwesenheit der humanitären Helfenden dort durchaus bewusst sind. 
  • 4. August: Die Armee erklärt in der Presse, sie habe die Kontrolle über Muttur zurückerobert. Gegen 7 Uhr morgens verliert Aktion gegen den Hunger den Kontakt zu ihren Teams in Muttur. Aktion gegen den Hunger versucht, eine Evakuierung auf dem Landweg zu organisieren, doch die Mission wird an einem Armeekontrollpunkt, 10 Kilometer vor Muttur, unterbrochen. Die humanitären Helfenden werden auf dem Gelände der NRO hingerichtet. Späteren Ermittlungen zufolge wurden sie aufgereiht und aus nächster Nähe erschossen.
  • 5. August: Es kommen die ersten Gerüchte über das Massaker auf. Dennoch werden die Sri Lanka Monitoring Mission (die zur Überwachung des Waffenstillstands in Sri Lanka eingerichtet wurde) und Aktion gegen den Hunger von der Armee daran gehindert, Muttur zu betreten – offiziell aus Sicherheitsgründen.
  • Am 6. August gelingt es den Teams von Aktion gegen den Hunger schließlich, Muttur zu erreichen. Sie entdecken die ersten 15 Leichen in den Büros. Die Toten liegen mit dem Gesicht nach unten, tragen Aktion-gegen-den-Hunger-T-Shirts und weisen Schusswunden an Kopf und Hals auf. Zwei weitere Leichen werden später in einem Fahrzeug gefunden.
  • Am 7. August werden die Leichen ins Trincomalee-Krankenhaus gebracht.

Die Opfer

Die 17 Opfer waren sri-lankische Mitarbeitende von Aktion gegen den Hunger. Sie alle waren an wichtigen humanitären Programmen beteiligt, vor allem in den Bereichen Wasserversorgung, Sanitärversorgung, Hygiene und Ernährungssicherheit. Es handelte sich um junge Menschen – die meisten von ihnen waren zwischen 23 und 36 Jahre alt –, die aus den lokalen Gemeinden stammten. Zusammen bildeten sie ein erfahrenes Team, dessen entscheidende Rolle bei den Hilfsmaßnahmen nach dem Tsunami anerkannt war.

Sie waren humanitäre Helfende …, die ihre guten Absichten mit dem Leben bezahlt haben.

Jan Egeland, ehemaliger UN Emergency Relief Coordinator

Kampf für Gerechtigkeit

Die von Aktion gegen den Hunger, unabhängigen Nichtregierungsorganisationen und internationalen Beobachtenden gesammelten Beweise deuten übereinstimmend darauf hin, dass die Täter wahrscheinlich Angehörige der sri-lankischen Sicherheitskräfte sind.

Bislang sind die Ermittlungen der sri-lankischen Regierung kläglich gescheitert und sie hat sich offen unwillig gezeigt, die Wahrheit aufzudecken. Wir hoffen, dass die Regierung ihre Verantwortung bald wieder wahrnimmt.

Fast 20 Jahre nach den Anschlägen wurden die Täter immer noch nicht festgenommen, strafrechtlich verfolgt und bestraft.

UN-Experte, 2025

Auch 20 Jahre später hat Aktion gegen den Hunger nicht vergessen

Zwanzig Jahre sind vergangen, doch wir haben sie nicht vergessen. Seit 2006 gedenken wir jedes Jahr unseren in Sri Lanka ermordeten Kolleg*innen im Stillen und mit Kampagnen weltweit. 

Schutz von humanitären Helfenden 

Das Massaker von Muttur regt zum Nachdenken über Verbrechen an humanitären Helfenden an. Sie werden immer häufiger Opfer gezielter Angriffe. Die Daten zur Sicherheit unserer Kolleg*innen zeigen einen Anstieg schwerer Angriffe. So wurden im Jahr 2025 332 humanitäre Helfende getötet, 144 entführt und 228 verletzt. Die überwiegende Mehrheit dieser Fälle betraf einheimische Mitarbeitende, also Personen, die in dem Land geboren wurden, in dem sie arbeiten.

16. JUNI 2026
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