Kadaya Walet vor ihrem Haus in Mali

Ohne zuverlässige Daten keine humanitäre Hilfe: Was ich jeden Tag in der Sahelzone sehe

Von Paloma Martín de Miguel, Einsatzleiterin bei Aktion gegen den Hunger in Afrika 

Amina (Name geändert) ist Mutter von neun Kindern und lebt im erzwungenen Exil, nachdem sie vor der Gewalt in ihrem Dorf im Niger geflohen ist. Nach fast zwei Jahrzehnten als Vertriebene hat sie in Städten, Geflüchtetenlagern und informellen Siedlungen gelebt, wo sie Angst und Hunger ausgesetzt war und kaum Zugang zu Wasser und Gesundheitsversorgung hatte.  

Doch Amina taucht in keiner aktuellen Statistik auf. Sie ist nicht in den neuesten Diagrammen oder auf den Karten zu finden, die bei humanitären Koordinierungstreffen zirkulieren. Und doch existiert sie. Sie hat einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte, die sich im afrikanischen Sahel millionenfach wiederholt. Eine Geschichte, die, wie so viele andere in der Region, in Berichten übersehen wird. 

Die Sahelzone: ein chronischer Notstand, den fast niemand sieht 

Ich bin Einsatzleiterin bei Aktion gegen den Hunger in Afrika und arbeite seit vielen Jahren in der Sahelzone. Ich weiß, dass Länder wie Niger, Mali und Mauretanien zu den Ländern mit der weltweit höchsten Ernährungsunsicherheit und Unterernährung gehören. Hinter dieser Realität verbergen sich anhaltende bewaffnete Konflikte, Vertreibung, wiederkehrende Klimakrisen – Dürren und Überschwemmungen – sowie der fortschreitende Zusammenbruch traditioneller Lebensgrundlagen.  

Was ist die Sahelzone? 

Als Sahel oder Sahelzone wird die Region am Südrand der Sahara bezeichnet, die sich vom Atlantik bis zum roten Meer über die gesamte Breite des afrikanischen Kontinents erstreckt. Sieben Staaten liegen im Sahel (von West nach Ost): Senegal, Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Niger, Tschad und Sudan. Auch Teile von Nigeria, Eritrea und Äthiopien werden oft dazugezählt.  

Der Begriff Sahel stammt aus dem Arabischen (sāḥil (ساحل), was so viel wie “Küste” oder “Ufer” bedeutet und den südlichen Rand der Sahara-Wüste bezeichnet – als eine Art Übergang zum fruchtbaren Land am Rande des Sandmeers. 

Die verfügbaren Zahlen sind alarmierend: In Niger werden im kommenden Jahr mehr als 1,6 Millionen Kinder an akuter Unterernährung leiden; in Mali benötigen mehr als sechs Millionen Menschen humanitäre Hilfe; in Mauretanien sind zehntausende Kinder und Frauen einem kritischen Ernährungsrisiko ausgesetzt. 

Diese Zahlen sind jedoch wahrscheinlich noch zu niedrig angesetzt. Mittelkürzungen, Unsicherheit und mangelnder Zugang schwächen die Ernährungsüberwachungssysteme. Und in bestimmten Fällen, bei Krisen mit geringerer Priorität, arbeiten wir mit veralteten Informationen, die nicht die aktuelle Realität widerspiegeln. Ich sehe es vor Ort: ausgetrocknete Felder, leere Märkte, überlastete Gesundheitszentren und Kinder, die zu spät zur Behandlung kommen. Der Mangel an Daten schafft eine Illusion von Stabilität. Und diese Illusion tötet. 

Was es bedeutet, fast blind zu arbeiten 

Für uns, die wir in der humanitären Hilfe tätig sind, sind Daten kein technischer Luxus. Sie ermöglichen es uns zu entscheiden, wo wir eingreifen, wen wir vorrangig behandeln und wie viele Ressourcen wir mobilisieren müssen. Ohne verlässliche Informationen ist es, als würde man versuchen, mit verbundenen Augen ein Feuer zu löschen. 

Wenn wir die tatsächlichen Bedürfnisse nicht vollständig verstehen, werden unsere Maßnahmen weniger wirksam. Die Planung verzögert sich, wir kommen zu spät, und wir retten weniger Menschen, als wir könnten.  

Für die Familien bedeutet der Mangel an Daten etwas sehr Konkretes: Sie werden nicht wahrgenommen. Sie verstehen nicht, warum keine Hilfe kommt, warum Programme eingestellt werden, warum niemand zuzuhören scheint, was sie durchmachen. 

Amina weiß vielleicht nicht, wie Ernährungsüberwachungssysteme funktionieren. Aber sie weiß, was es bedeutet, wenn ihr Sohn ohne Essen ins Bett geht, wenn der Brunnen versiegt, wenn das Gesundheitszentrum keine therapeutische Nahrung hat. Sie weiß, was es bedeutet, auf eine Lösung zu warten, die niemals kommt. Sie weiß, was es bedeutet, wenn ihr Leben nicht zählt, weil sie unsichtbar ist. 

Was ich als Einsatzleiterin empfinde 

Das Schwierigste an meiner Arbeit sind nicht die Zahlen, auch nicht die teilweise unmögliche Logistik oder die unsicheren Einsatzbedingungen. Es ist das Gefühl, in eine Informationswüste zu schreien. 

Eine Krise zu sehen, die Millionen von Menschen betrifft, und zu wissen, dass sie keine angemessene Aufmerksamkeit erhält, erzeugt eine Mischung aus Frustration und Hilflosigkeit, die schwer zu erklären ist. Wir wissen, was zu tun ist, wir wissen, wie wir viele Todesfälle verhindern können, aber angesichts fehlender Daten und des Desinteresses der internationalen Gemeinschaft schwimmen wir gegen den Strom.  

Es schmerzt mich bei dem Gedanken, dass es Kinder gibt, die nicht behandelt werden, nur weil sie in einem Bericht nicht rechtzeitig „existierten“. 

Wenn ich es jemandem erklären müsste, der noch nie dort war, würde ich Folgendes sagen: Hunger zeigt sich nicht immer in spektakulären Bildern. Er ist oft still, langsam, chronisch. Er schleicht sich über Jahre hinweg ein, bis er zur Normalität wird. Und wenn er zur Normalität wird, spielt er keine Rolle mehr. 

Doch jedes unterernährte Kind, das nicht rechtzeitig erkannt wird, ist eine verpasste Gelegenheit, ein Leben mit etwas so Einfachem wie einer grundlegenden Ernährungsbehandlung zu retten. Jede nicht erhobene Datenangabe ist eine weitere Familie, die aus dem Blickfeld gerät. 

Ohne Daten gibt es keine Entscheidungen. Ohne Entscheidungen gibt es keine Reaktion. Und ohne Reaktion gibt es vermeidbare Todesfälle. 

Was wird passieren, wenn wir so weitermachen? 

Ohne Daten werden wir mehr unsichtbare Notfälle sehen, mehr unterschätzte Krisen, mehr Kinder, die zu spät – oder gar nicht – in die Versorgungssysteme gelangen. Wir werden falsch verteilte Ressourcen, improvisierte Reaktionen und einen realen Anstieg der Kindersterblichkeit erleben. 

Der Sahel braucht nicht nur mehr Hilfe. Der Sahel muss gesehen werden. Gemessen. Gehört. Denn solange es keine soliden Daten gibt, werden Millionen von Menschen wie Amina weiterhin in einer Krise leben – und leiden –, die für die Welt einfach nicht existiert. 

1. APRIL 2026
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