
1.000 Tage Gaza-Krise: Aktion gegen den Hunger warnt vor chronischer Mangelernährung
Der 3. Juli markiert den 1.000. Tag seit den verheerenden Angriffen auf Israel am 7. Oktober 2023. Viele Menschen in Israel leiden weiterhin unter den traumatischen Folgen. Gleichzeitig bleibt die humanitäre Lage in Gaza äußerst angespannt. Die Krise hat sich inzwischen gewandelt: Nicht mehr allein der Mangel an Hilfsgütern ist das Problem. Viele Hilfen erreichen die Menschen nicht, und die verfügbaren Nahrungsmittel reichen qualitativ oft nicht aus. Die Folgen sind gravierend.
„Wenn Kinder über lange Zeit keine angemessene Ernährung erhalten, sind die Folgen unumkehrbar: Wachstum, Gesundheit und Zukunftschancen leiden dauerhaft darunter“, warnt Cristina Izquierdo, Ernährungsexpertin im Nothilfeteam von Aktion gegen den Hunger, nach ihrem Besuch im Gazastreifen.
Hilfe kommt an – erreicht die Menschen jedoch nicht
Derzeit gelangen durchschnittlich rund 160 Lastwagen pro Tag in den Gazastreifen. Diese Zahl liegt deutlich unter dem tatsächlichen Bedarf für eine wirksame humanitäre Versorgung. Entscheidend ist jedoch nicht, wie viele Lastwagen die Grenze passieren, sondern wie viele ihre Bestimmungsorte erreichen: Etwa die Hälfte dieser lebensrettenden Hilfsgüter kann innerhalb des Gazastreifens nicht verteilt werden und erreicht die betroffene Bevölkerung zunächst nicht.
Dass die Hilfe die Menschen nicht erreicht, hat mehrere konkrete Ursachen: Zum einen gelangen weiterhin zu wenige Hilfslieferungen in den Gazastreifen. Zum anderen mangelt es an Transportkapazitäten und sicheren Lagerflächen, da Unsicherheit und operative Einschränkungen die Arbeit erschweren. Massive Schäden an Straßen machen Transporte zu logistischen Herausforderungen. Für lebenswichtige Güter wie Wasser-, Energie- und medizinische Ausrüstung gelten weiterhin Einfuhrbeschränkungen. Hinzu kommen fortgesetzte Angriffe trotz des Waffenstillstands.
Von Hunger zu Mangelernährung
Obwohl viele Familien heute ausreichend Kalorien aufnehmen können, hat sich die Qualität ihrer Ernährung seit dem Waffenstillstand nicht verbessert. Ihre Ernährung besteht fast ausschließlich aus Getreide, Mehl und verarbeiteten Lebensmitteln. Eiweiß, Vitamine und essenzielle Mikronährstoffe fehlen nahezu vollständig. Obst und eiweißreiche Lebensmittel werden meist nur einmal pro Woche oder seltener konsumiert, Gemüse etwa zweimal pro Woche. Das erhöht das Risiko von Mangelernährung erheblich.
„Selbst wenn Familien ausreichend essen können, geschieht dies nicht unter angemessenen Bedingungen. Die schlechte Qualität der Ernährung macht Fortschritte im Ernährungsbereich mittel- und langfristig wieder zunichte“, sagt Izquierdo.
Kein Einkommen, keine Märkte
Die Knappheit nahrhafter Lebensmittel wird zusätzlich durch den Zusammenbruch von Einkommensmöglichkeiten und Märkten verschärft. Preissteigerungen zwischen 40 % und 300 % machen grundlegende Güter für die meisten Familien unerschwinglich. 63 % der Haushalte berichten von Schwierigkeiten beim Zugang zu Märkten; 93 % nennen fehlende finanzielle Mittel, 54 % die hohen Preise als Hauptgründe.
Darüber hinaus hat die Krise die lokale Produktionskapazität nahezu vollständig zerstört. Weniger als 5 % der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen sind zugänglich. Gleichzeitig stammen die meisten Lebensmittel, die in den Gazastreifen gelangen, aus Importen, wodurch die Bevölkerung nahezu vollständig auf externe Hilfe angewiesen ist.
„Landwirtinnen und Landwirte, die von Aktion gegen den Hunger unterstützt wurden, hatten ihre Felder, Werkzeuge und sogar Gewächshäuser wiederhergestellt. Heute sind große Teile dieser Flächen aufgrund von Gewalt und der Ausweitung militarisierter Zonen erneut unzugänglich, wodurch Fortschritte in der Landwirtschaft wieder verloren gehen“, erklärt Natalia Anguera, Leiterin der Nahost-Programme von Aktion gegen den Hunger.
Wasserversorgung auf kritischem Niveau
Der Zugang zu Wasser bleibt eines der größten Risiken für die Bevölkerung. Den Menschen stehen täglich lediglich zwischen sechs und 15 Liter Wasser pro Person zur Verfügung – deutlich weniger als die für das Überleben notwendige Mindestmenge. „In vielen Gebieten gibt es kein Trinkwasser. Die Menschen trinken, was immer verfügbar ist – auch wenn das Wasser verunreinigt oder gesundheitsschädlich sein kann“, sagt Anguera.
Ein wesentlicher Faktor sind die Beschränkungen bei der Einfuhr bestimmter Güter. „Der Mangel an Treibstoff, Ersatzteilen und Generatoren verhindert den Betrieb von Entsalzungsanlagen und Wassersystemen, die für die Versorgung der Bevölkerung mit sicherem Trinkwasser unverzichtbar sind. Darüber hinaus fehlen Chemikalien zur Aufbereitung verunreinigten Wassers, und viele Leitungen wurden zerstört“, erklärt Anguera. „Der Zusammenbruch der Sanitärversorgung und die Anhäufung von Abfällen führen zu Schädlingsbefall, darunter Nagetiere, und verschärfen die öffentliche Gesundheitskrise.“
Die Reaktion von Aktion gegen den Hunger
Aktion gegen den Hunger arbeitet seit 2002 in den besetzten palästinensischen Gebieten. Die Organisation passt ihre Hilfe kontinuierlich an und unterstützt die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, Ernährungsprogrammen, Wasser- und Sanitärversorgung sowie Maßnahmen zur Existenzsicherung.
Presseanfragen
