
In Somalia ist eine Geburt niemals ein stiller, privater Vorgang. Großmütter flüstern Segenswünsche. Nachbarn halten die Hand. Seit jeher bringen Mütter ihre Babys auf diese Weise zur Welt – angeleitet von den Frauen, die vor ihnen da waren.
Diese Weisheit ist echt. Sie ist wichtig. Aber sie reicht nicht immer aus.
In Somalia bringt weniger als jede dritte Mutter ihr Kind mit einer ausgebildeten medizinischen Fachkraft an ihrer Seite zur Welt. Zu viele Mütter und Babys sterben an Problemen, die durch gute medizinische Versorgung verhindert werden könnten.
Somalia: Weisheit und medizinischen Fortschritt verknüpfen – Vertrauen schaffen
Wie bewahrt man also die Weisheit der Großmütter und sorgt gleichzeitig für die Sicherheit der modernen Medizin? Man schafft einen Ort, dem Familien vertrauen. Genau das ist im Makkah-Krankenhaus in Mogadischu geschehen, mit Unterstützung des Zentralen Nothilfefonds der Vereinten Nationen (CERF), der Weltgesundheitsorganisation in Somalia und von Aktion gegen den Hunger.
Und genau dort betraten zwei junge Mütter – die sich nicht kannten – dieselbe Tür und veränderten die Zukunft ihrer Familien.
Dahiros Geschichte
Dahiro Mohamed Omar war 24 Jahre alt. Sie war einen langen Weg aus ihrem Dorf in Jilib gereist, einer kleinen Stadt weit entfernt von der Hauptstadt. Sie hatte bereits zweimal entbunden, beide Male zu Hause und beide Male ohne Arzt/Ärztin oder Krankenschwester.
„Ich hatte immer Angst vor Krankenhäusern bei der Entbindung“, sagte sie und hielt ihre neugeborene Tochter fest an sich gedrückt. „In Jilib vertraut man darauf, was die Großmutter einem gesagt hat.“

Dahiro Mohamed Omar hält ihr neugeborenes Baby im Arm. Sie befindet sich während der Aufnahme im Makkah Krankenhaus, das von Aktion gegen den Hunger unterstützt wird.
Dahiro war eine fürsorgliche, liebevolle Mutter. Sie stillte ihre älteren Kinder, weil ihre Tante ihr gesagt hatte, dass dies das Richtige sei. Diese Praxis half ihr auch, ihre Schwangerschaften auf natürliche Weise zu strecken. Sie folgte den Traditionen und glaubte, alles richtig zu machen.
„Aber ich wusste nicht“, sagt sie leise, „dass ich nur die Hälfte der Arbeit leistete, um meine Kinder zu schützen.“ Durch Gespräche mit dem Krankenhauspersonal hatte sie kürzlich erkannt, dass das Stillen zwar das Immunsystem ihrer Babys stärkte, sie aber Impfungen als zusätzlichen Schutz brauchten. Ihre älteren Kinder, die noch im Dorf waren, waren nie geimpft worden, weil sie einfach nicht wusste, dass das nötig war.
Nafisas Geschichte
Am Ende des Flurs saß die 25-jährige Nafisa, umgeben von ihren Kindern. Sie war alleinerziehende Mutter, und das Leben war für sie nicht immer leicht gewesen. Eine schwere Dürre hatte ihre Familie aus ihrer Heimat ver- und in ein Flüchtlingslager getrieben.

Nafisa bei einem Termin im Makkah Krankenhaus, das von Aktion gegen den Hunger unterstützt wird.
Nafisa kam im Juni 2025 zum ersten Mal ins Makkah-Krankenhaus, weil ihre beiden kleinen Kinder gefährlich dünn waren. Sie waren unterernährt und brauchten Spezialmilch und therapeutische Nahrung, um zu überleben. Während das medizinische Team ihre Kinder behandelte, bemerkten sie, dass Nafisa schwanger war. Das Team meldete sie sofort für Vorsorgeuntersuchungen an.
Im September 2025 kehrte sie ins Krankenhaus zurück und brachte ihr Baby sicher zur Welt. Doch selbst dann konnte sie nicht aufhören, sich Sorgen zu machen. In der Nähe ihres Lagers breiteten sich die Masern aus. „Ich hatte Angst, meine Kinder könnten an Jadeeco [das somalische Wort für Masern] erkranken“, sagte sie. Ihre Stimme war ruhig, doch ihre Augen verrieten Angst.
Behandlung der beiden Mütter: Eine Chance für ganzheitliche Versorgung
Das Team im Makkah-Krankenhaus betrachtete die Termine von Dahiro und Nafisa nicht als Gelegenheit, einzelne Probleme anzugehen. Sie sahen darin eine Chance für eine ganzheitliche Versorgung. Das ist der „One-Stop-Shop“-Ansatz, den Aktion gegen den Hunger fördert: Wenn eine Mutter aus irgendeinem Grund – eine Geburt, ein krankes Kind oder Hunger – durch die Tür kommt, kümmert sich das Team um alles. Jedes Kind. Jeden Bedarf.

Dahiro wird von einer Hebamme im Wochenbettzimmer des Makkah-Krankenhauses betreut. Sie unterstützt sie dabei, ihr Neugeborenes zu versorgen.
Gesundheit: die ganze Familie im Blick
Aktion gegen den Hunger hat mit Unterstützung des CERF und der WHO Somalia ein Gesundheitssystem aufgebaut, das die ganze Familie im Blick hat. Indem das Makkah-Krankenhaus Impfungen, Ernährung und Mütterbetreuung unter einem Dach vereint, setzt es Somalias Nationalen Transformationsplan (NTP) – den Fahrplan des Landes für den Wiederaufbau und die Modernisierung bis 2029 – in eine Realität um, die Mütter tatsächlich spüren können.
An einem ganz normalen Morgen im Makkah Hospital geschah etwas Kleines und doch Bedeutendes. Dahiro und Nafisa waren beide zur gleichen Zeit auf der Station. Dahiros neugeborene Tochter erhielt ihre allererste Impfung. Nafisas Kinder bekamen ihre lebensrettenden Impfungen und wurden untersucht, um sicherzustellen, dass sie gut wachsen. Zwei Familien, Seite an Seite, die gleichzeitig den Weg in die Sicherheit beschreiten.

Ein neugeborenes Baby erhält die erste Polio-Impfung im Makkah-Krankenhaus in Somalia.
So bleiben große Ziele wie die universelle Gesundheitsversorgung und die Ziele für nachhaltige Entwicklung (insbesondere SDG 3: Gesundheit und Wohlergehen) nicht länger nur Worte auf dem Papier, sondern beginnen, im realen Leben Gestalt anzunehmen. Jeder Besuch wird zu einer Chance, das zu erkennen, was sonst vielleicht übersehen würde.
Dahiro und Nafisa machten sich auf den Heimweg, ihre Kinder im Arm und mit neuem Wissen als Schutzschild.

Nafisa kann mit ihren beiden Kindern nach einer erfolgreichen Behandlung nach Hause gehen. Doch die Tür des Makkah-Krankenhauses steht ihr und ihrer Familie immer offen.
Altes Wissen mit neuem ergänzen
„Ich werde mit dem, was ich jetzt weiß, nach Hause gehen“, sagt Dahiro mit neuem Selbstvertrauen. „Ich werde mit anderen Müttern sprechen. Meine Tanten haben mir ihre Weisheit weitergegeben, und jetzt werde ich anderen Müttern die Weisheit weitergeben, die ich hier gefunden habe.“
Sie lehnt nicht ab, was ihre Großmutter ihr beigebracht hat; sie ergänzt es.
Nafisa sagt nicht viel, als sie geht. Sie atmet nur erleichtert auf und hält ihre Kinder ein wenig fester, in dem Wissen, dass sie endlich in Sicherheit sind.
Diese beiden Frauen betraten das Makkah Hospital als Fremde, jede mit ihren eigenen Ängsten. Sie verlassen es als Beweis dafür, was möglich wird, wenn die richtige Unterstützung auf die Liebe einer Mutter trifft. Wenn man einer Mutter die Mittel an die Hand gibt, schützt sie ihre Familie. Und Familie für Familie schreiben sie die Zukunft einer Nation neu.
Von Ahmed Issak Hussein, Koordinator für Kommunikation und Interessenvertretung bei Aktion gegen den Hunger in Somalia