
Wenn Krisen und Konflikte weltweit zunehmen, müssten politisch Verantwortliche eigentlich mehr finanzielle Mittel für Nothilfe, humanitäre Unterstützung und Wiederaufbau bereitstellen. In Wirklichkeit ist in den letzten Jahren das Gegenteil passiert. Während immer mehr Menschen unter Kriegen, den Folgen der Klimakrise und politischer Instabilität leiden, sind die globalen Mittel für internationale Hilfe drastisch zurückgegangen. Seit US-Präsident Trump die US-amerikanische Entwicklungsbehörde USAID Anfang 2025 einstampfte, haben viele weitere Regierungen ihre Mittel für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit massiv gekürzt. Darunter auch Deutschland.
Diese Kürzungen der internationalen Hilfe sind keine abstrakten Zahlen in den Haushaltsbüchern von Finanzminister Klingbeil – sie haben konkrete Folgen für Millionen Menschen weltweit. Für Menschen in akuten Krisensituationen, die auf globale Solidarität und Unterstützung angewiesen sind. In dem Dossier „Der Preis der Kürzungen“ haben wir die wichtigsten Zahlen und Fakten zusammengetragen.
Gemeinsam mit 16 weiteren humanitären und entwicklungspolitischen Organisationen stellen wir uns klar gegen die fatale Sparpolitik und fordern Bundeskanzler Merz und Finanzminister Klingbeil dazu auf, die Kürzungen zu stoppen und internationale Hilfe zu stärken.
Wir haben mit unseren Kolleg*innen in Kamerun, Afghanistan und Mali gesprochen und sie gefragt, wie sich die globalen Kürzungen auf die Schicksale von Menschen auswirken.
Kamerun: Projektende mit Konsequenzen
Kamerun ist heute eines der am meisten von der Klimakrise betroffenen Länder der Welt. Immer stärker kommt es zu massiven Überschwemmungen, anhaltenden Dürreperioden und unkontrollierbaren Bränden durch die Trockenheit. Für die betroffenen Menschen und die Landwirtschaft sind diese Extremwetterereignisse katastrophal. Das Land ist zudem von politischer Instabilität, Gewalt und Fluchtbewegungen betroffen.
Die Ernährungssituation hat sich in den letzten Monaten rapide verschlechtert. Über 2,9 Millionen Menschen sind dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen. Hochrechnungen gehen davon aus, dass rund 3 Millionen Menschen in der Trockenzeit zwischen Juni und August von Hungerkrisen betroffen sein könnten. Während sich die Ernährungslage zuspitzt, sind die humanitären Hilfsprogramme in Kamerun hoffnungslos unterfinanziert. Die internationale Gemeinschaft hat für 2026 nur knapp ein Viertel der Finanzmittel zugesagt, die laut den UN im Land notwendig wären (Quelle: Financial Tracking Service, OCHA). Besonders im Bereich der Ernährungssicherheit fehlt es an Mitteln.
Deutsche Finanzierung läuft aus
Auch die gekürzten Mittel der deutschen Bundesregierung haben für unsere Programmarbeit in Kamerun bittere Konsequenzen. Nach drei Jahren wird Ende August 2026 ein vom Auswärtigen Amt finanziertes Gesundheits- und Ernährungsprogramm in der Region Hoher Norden auslaufen – eine besonders von Hunger und Armut betroffene Region. Schon seit 2021 konnten wir die Region mit deutschen Mitteln unterstützen. Durch die ersatzlose Beendigung unseres Projekts werden Tausende von Mangelernährung betroffene Familien schlagartig nicht mehr versorgt werden können. Die wahren Folgen davon werden erst in den folgenden Monaten sichtbar werden.
Bei unserem Projektbesuch im Hohen Norden Kameruns im Frühjahr 2026 habe ich gesehen, welch überlebenswichtige Arbeit wir dort leisten. Unser Ernährungs- und Gesundheitsprogramm erreicht dort Menschen, die sonst völlig von der Versorgung abgeschnitten sind. Dass wir keine Folgefinanzierung sichern konnten, ist für die Menschen in der Region eine Katastrophe.

Die Erfolge unseres Ernährungs- und Gesundheitsprogramms im Norden Kameruns:
- Seit Projektbeginn wurden mehr als 25.000 Untersuchungen bei Kindern unter 5 Jahren durchgeführt. Bei über 5.000 davon wurde schwere akute Mangelernährung diagnostiziert.
- Wir haben über 17.000 Vorsorgeuntersuchungen bei schwangeren Frauen angeboten.
- Wir haben 43 Community Health Worker ausgebildet, die die Familien zu Mangelernährung, Durchfallerkrankungen, Malaria und Atemwegsinfektionen beraten und in einfachen Fällen behandeln.
- Über 18.000 Menschen wurden zu mentaler Gesundheit und psychosozialem Wohlbefinden sensibilisiert und mehr als 1.200 Personen erhielten psychosoziale Unterstützung.
Ich habe große Sorge vor weiteren Kürzungen in diesem Jahr. Die fehlende Finanzierung macht unsere Arbeit in Kamerun unendlich schwierig. Wir können nicht umfassend und vorausschauend gefährdete Bevölkerungsgruppen unterstützen – sondern müssen laufend entscheiden, welches Hilfsprogramm depriorisiert werden soll.
Mitarbeitender von Aktion gegen den Hunger in KamerunAufgrund der fehlenden Finanzierung musste Aktion gegen den Hunger die Gesundheits- und Ernährungsprogramme in zwei Departements im Hohen Norden (Mayo-Sava und Mayo-Danay) einstellen.
Was bedeutet der Rückzug von Aktion gegen den Hunger konkret?
- Viele Gesundheits- und Ernährungsprogramme für die Binnenvertriebenen in der Region fallen weg.
- Unsere mobilen Gesundheitsteams sind nicht mehr in entlegene Dörfer unterwegs.
- Unsere Schulungen für Community Health Worker sind bis auf weiteres ausgesetzt.
- Lokale Gesundheitszentren, die bereits mit Personalmangel, ausbleibenden Lieferungen von Medikamenten und medizinischem Verbrauchsmaterial sowie mangelnder Finanzierung kämpfen, die entstehende Lücke nicht auffangen können.
In der Folge bleiben ganze Dörfer in den betroffenen Regionen ohne Gesundheitsversorgung und Beratungsangebote zurück. Es werden weniger Kinder mit schwerer akuter Mangelernährung untersucht und behandelt. Die Familien erhalten keine Unterstützung mehr durch psychologische Beratung.
Afghanistan: Frauen und Kinder trifft es besonders
Auch in Afghanistan spüren die Menschen schon ganz konkret die Auswirkungen der Mittelkürzungen – einem Land, in dem sich die humanitäre Krise durch klimawandelbedingte Dürren, die fragile Wirtschaftslage und den wieder ausgebrochenen Konflikt mit Pakistan seit Jahren verschlimmert. Bis 2025 wurden die humanitären Programme im Land zu einem großen Teil aus US-amerikanischen Mitteln finanziert. Nach der Auflösung von USAID wurden rund 560 Millionen US-Dollar humanitäre Mittel aus Afghanistan abgezogen und ein relevanter Teil der humanitären Infrastruktur brach zusammen. Über 400 Gesundheitszentren und 200 Ernährungsberatungsstellen mussten schließen – eine katastrophale Nachricht in einem Land, in dem etwa 22 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen sind.
In Afghanistan passiert eine der schwersten humanitären Krisen der Welt. 3,7 Millionen Kinder in Afghanistan leiden unter Mangelernährung. Wir sehen die Auswirkungen der massiven Mittelkürzungen bis heute – vor allem Frauen und Kinder haben weniger Zugang zu Gesundheitsversorgung und Ernährungsleistungen.

Auch wenn ein Teil der Programme durch andere Finanzierungsquellen wieder aufgenommen werden konnte, fehlt das langfristige finanzielle Engagement für die Menschen in Afghanistan. Das beeinträchtigt die Prävention von Hunger und Mangelernährung, zum Beispiel durch über mehrere Jahre angelegte Programme, die die Ernährungssicherheit langfristig stärken und über die akute Nothilfe hinaus wirken sollen. Außerdem sind vor allem Mädchen und Frauen die Leidtragenden, da viele Projekte zur Stärkung von Frauen und anderen benachteiligten Gruppen gestrichen wurden.

Auch unser Büro in Afghanistan musste zwei Ernährungszentren in Kliniken vorübergehend schließen. Es gelang unseren Kolleg*innen vor Ort, kürzere Folgefinanzierungen zu sichern – der langfristige Bestand der Gesundheitszentren ist jedoch nicht gesichert.
Mali: Vergessene Krise
Mali erlebt aktuell eine schwere humanitäre Krise. Dort treffen die Mittelkürzungen vor allem die Bevölkerungsgruppen, die bereits am stärksten unter Hunger und Armut leiden. 2025 erhielten nicht einmal die Hälfte der betroffenen Menschen Unterstützung bei der Ernährungssicherung. Im Jahr 2026 werden Schätzungen zufolge über eine Million Kinder von akuter Mangelernährung betroffen sein, darunter 230.000 schwere Fälle. Auch Projekte von Aktion gegen den Hunger sind direkt betroffen.
Die Situation in Mali verschlechtert sich weiter. Aktuell brauchen über 5 Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Wegen der globalen Kürzungen wissen wir nicht, ob wir dieses Jahr genügend finanzielle Mittel zusammen bekommen, um die von Hunger und Armut betroffenen Menschen zu unterstützen.

Unsere Kolleg*innen aus Mali berichten über spürbare Konsequenzen seit dem Finanzierungseinbruch:
- Mangelernährte Kinder können nicht behandelt werden, da durch Lieferengpässe die therapeutische Spezialnahrung (wie Plumpy’Nut, F75 und F100) fehlt. Während im Jahr 2024 noch über 90 Prozent der vorgesehenen Lieferungen mit Spezialnahrung in Mali ankamen, konnten die Fachkräfte 2025 und Anfang 2026 nur ein Drittel der geplanten Lieferungen entgegennehmen.
- Die Ernährungsprogramme müssen sich auf die am schlimmsten betroffenen Regionen konzentrieren, dadurch fallen Familien und Kinder in anderen Regionen durchs Raster.
- Kleine Gesundheitszentren in abgelegenen Dörfern mussten schließen, wodurch viele Familien keinen Zugang mehr zu Gesundheitsversorgung und Impfprogrammen haben.
- Die Arbeitsbedingungen für humanitäre Organisationen sind so herausfordernd geworden, dass einige NGOs sich vollständig aus Mali zurückgezogen haben.
Auch Projekte von Aktion gegen den Hunger sind direkt betroffen. Ein über mehrere Jahre angelegtes Gesundheitsprogramm hatte beispielsweise zum Ziel, das lokale Gesundheitssystem in Mali zu stärken und nachhaltige Strukturen für eine gerechte Versorgung der Bevölkerung aufzubauen. Aufgrund der Kürzungen der USAID-Programme wurde das Projekt vorzeitig beendet und bedeutete für 1,5 Millionen Kleinbäuer*innen und ihre Familien das Ende ihrer Gesundheitsversorgung.
Ein weiteres Beispiel ist ein breit aufgestelltes Ernährungsprogramm, das Menschen in besonders stark von Hunger und Armut betroffenen Regionen mit Essenverteilungen, Wasserlieferungen und Hygienemaßnahmen unterstützte. Das Programm musste 2025 mehrmals unterbrochen werden und konnte nur mit größeren Schwierigkeiten für weitere drei Monate fortgeführt werden. Nun erhalten die betroffenen Familien keine Hilfe mehr.
Die deutschen Kürzungen treffen in Mali also ein bereits geschwächtes System und tragen – vor allem im Norden Malis – zu einer weiteren Verschlechterung der Ernährungssituation bei.
Blick in die Zukunft
Neben den direkten Folgen für die von Hunger und Armut betroffenen Menschen, bringt der weltweite Finanzierungsrückgang weitere langfristige Risiken mit sich. Denn ja, es werden aktuell weniger Hilfsprogramme realisiert. Aber fast noch schlimmer: Es wird auch immer weniger in langfristige Maßnahmen investiert. Wenn die Mittel knapp sind, wird oft an erster Stelle an der Datenerhebung gespart: Repräsentative Umfrage werden pausiert, Marktanalysen und Preisbeobachtungen heruntergefahren, Daten zu Mangelernährung und Gesundheit nicht mehr erhoben. Das führt dazu, dass für die kommenden Jahre viel zu wenig Wissen über die Ernährungssituation in fragilen Kontexten vorhanden sein wird, um schnell und umfassend mit humanitärer Hilfe unterstützen zu können.
Und um vorausschauend humanitäre Hilfe leisten zu können und bei Hungerkrisen schnell zu reagieren, ist eine gute Datenbasis unabdinglich. Wie viele Kinder sind in welcher Region mangelernährt? Wie entwickelt sich die Gesundheit der Bevölkerung? Lassen die Daten zu Hitze und Dürren auf eine bevorstehende Hungerkrise schließen?
Damit wir auch in Zukunft genügend Wissen über die Situation von Menschen in Krisenregionen haben, um schnell und umfassend helfen zu können, setzen wir uns bei der Politik für eine bessere Finanzierung von humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit ein.




