
Afghanistan: Dramatischer Anstieg schwer unterernährter Kinder in Helmand
Aktion gegen den Hunger schlägt Alarm: In der afghanischen Provinz Helmand steigt die Zahl schwer unterernährter Kinder mit Komplikationen stark an. Die Ernährungsstation in Lashkar Gah wurde von 45 auf 70 Betten erweitert, der Bedarf jedoch ist weitaus höher. Ohne schnelle Investitionen in die ambulante Versorgung, in Prävention und in die Bekämpfung der Ursachen droht noch mehr Kindern lebensbedrohliche Unterernährung.
„Kinder erst dann zu behandeln, wenn ihr Zustand bereits kritisch ist, ist keine nachhaltige Lösung, sondern ein verlorener Kampf. Um den Kreislauf zu durchbrechen, müssen wir der Krise voraus sein: Wir müssen die lokalen Gemeinschaften stärken und sicherstellen, dass die Familien ausreichend Nahrungsmittel und Zugang zu gut ausgestatteten Kliniken für eine ambulante Behandlung haben, und zwar bevor ihre Kinder in akute Lebensgefahr geraten“, sagte Cobi Rietveld, Landesdirektorin von Aktion gegen den Hunger in Afghanistan.
„Ich war letzte Woche vor Ort und habe gesehen, dass die Gesundheitsstationen bei steigendem Bedarf unter enormem Druck stehen. Mit Unterstützung der Gesundheitsbehörde konnten wir einen Besprechungsraum zu einer zusätzlichen Station mit 25 Betten ausbauen. Innerhalb weniger Stunden waren alle Betten belegt. Wir haben 73 Kinder aufgenommen, einige teilten sich ein Bett mit Geschwistern oder Zwillingen“, erläuterte Rietveld.
Die Gesundheitseinrichtung nahm unter anderem eine Familie mit sieben Monate alten Zwillingen in kritischem Zustand auf. Die Mutter hatte bereits Wochen zuvor Hilfe gesucht, jedoch keinen Zugang zu Behandlung erhalten. Die elfköpfige Familie lebt von lediglich 5000 Afghani pro Monat (etwa 65 Euro) und kann sich kaum ausreichend Nahrungsmittel und Milch leisten. Deswegen verschlechterte sich der Zustand der Kinder zunehmend – bis eine Aufnahme in die therapeutische Ernährungsstation unvermeidlich wurde. Nun teilen sich die Zwillinge ein Bett in der Gesundheitsstation.
Versorgung am Rande des Zusammenbruchs
In Helmand arbeiten die Mitarbeitenden von Aktion gegen den Hunger bereits über ihre Belastungsgrenzen hinaus. Die Teams leisten unermüdlich Überstunden, um die lebensrettende Versorgung aufrechtzuerhalten. Viele Kinder werden in kritischem Zustand eingeliefert und leiden häufig an akutem wässrigen Durchfall. Ohne sofortige spezialisierte Behandlung kann sich der Zustand eines Kindes drastisch verschlechtern und zu schwerer akuter Unterernährung führen. Ohne Behandlung kann aus einem kritischen Zustand innerhalb weniger Stunden ein lebensbedrohlicher Notfall werden.
Die Zeit vor der neuen Ernte und eine anhaltende Dürre könnten in Helmand einen starken Anstieg von Durchfallerkrankungen und Patientenzahlen ausgelöst haben. Gleichzeitig tragen weitere Faktoren zu einem alarmierenden Anstieg der Unterernährung im ganzen Land bei: Dazu gehören eine beispiellose Wirtschaftskrise, die mehr als 3,5 Millionen Rückkehrer*innen aus Pakistan und Iran, die zusätzlich versorgt werden müssen, sowie die weitreichende Schließung von Gesundheits- und Ernährungszentren infolge drastischer Finanzierungskürzungen. Diese kritische Versorgungslücke, verstärkt durch Grenzschließungen und anhaltende Engpässe in der Versorgung, bringt die ohnehin überlasteten Gesundheits- und Ernährungsdienste an den Rand des Zusammenbruchs. Unzählige Kinder bleiben ohne lebensrettende Behandlung zurück.
Dringender Bedarf an zusätzlicher Unterstützung
Während die Teams an vorderster Front weiterhin lebensrettende Hilfe leisten, warnt Aktion gegen den Hunger, dass dringend zusätzliche Unterstützung nötig ist, um eine umfassende Gesundheitskrise zu verhindern. Aktion gegen den Hunger ist seit der Gründung 1979 vor Ort und leistet Hilfe in Afghanistan: Wir bekämpfen Hunger, sichern Zugang zu sauberem Wasser und leisten auch einen Beitrag zur mentalen Gesundheit der Menschen vor Ort. In Kabul betreiben wir eine Hotline für mentale Gesundheit, die landesweit anonym und kostenfrei zugänglich ist. Es füllt eine Leerstelle, auch weil mentale Gesundheit nach wie vor stigmatisiert wird oder die Menschen ihre Symptome nicht einer psychischen Erkrankung zuordnen können.
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