Drei Jahre Krieg in Gaza: Warum der Hunger bleibt
Drei Jahre nach Beginn des Krieges in Gaza warnt Aktion gegen den Hunger vor den langfristigen Folgen der Zerstörung von Landwirtschaft, Märkten und Infrastruktur. Der Krieg hat die Möglichkeit der Bevölkerung, sich selbst zu versorgen, immer weiter zerstört und damit die Grundlagen für anhaltenden Hunger geschaffen.
„Einen Laib Brot zu bekommen, ist inzwischen ein Traum. Am Leben zu bleiben ist eine Herausforderung. Ich hätte nie gedacht, dass ich Kinder mit ausgezehrten Körpern sehen würde, deren Mägen vor Hunger knurren“, berichtet Hanneen (Name aus Sicherheitsgründen geändert), Stillberaterin von Aktion gegen den Hunger im Gazastreifen.
Obwohl die jüngsten Bewertungen nicht mehr auf eine Hungersnot hindeuten, bleibt die Lage äußerst kritisch. Mehr als eine Million Menschen sind weiterhin von kritischer Ernährungsunsicherheit betroffen, darunter Tausende Kinder, die von Mangelernährung bedroht sind. Schätzungen zufolge werden bis Mitte 2027 rund 74.200 Kinder zwischen sechs und 59 Monaten von akuter Mangelernährung betroffen sein. Viele Familien greifen auf Lebensmittel mit geringem Nährwert zurück und kämpfen täglich darum, ihren Grundbedarf zu decken.
Warum der Hunger weiter anhält
„Die Aufmerksamkeit sollte sich nicht nur auf den gegenwärtigen Hunger beschränken, sondern auf den schrittweisen Verlust der Ernährungssouveränität. Werden landwirtschaftliche Flächen, Märkte und Infrastruktur einer ganzen Region zerstört, erholen sich Ernährungssysteme nicht unmittelbar“, erklärt Jean Raphael Poitou, Advocacy Manager von Aktion gegen den Hunger für den Nahen Osten. „Ihr Wiederaufbau ist ein langwieriger Prozess, während dessen die Bevölkerung weiterhin in extremer Not leben wird.“
Hunger entsteht nicht nur dann, wenn Lebensmittel fehlen. Werden landwirtschaftliche Flächen zerstört, Märkte geschlossen und Lieferketten unterbrochen, verlieren Familien zunehmend die Möglichkeit, sich selbst zu versorgen. Vor Ausbruch des Konflikts war die Region in der Lage, einen großen Teil der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen. Heute sind Landwirtschaft, Fischerei, Märkte und Lieferketten massiv beeinträchtigt.
Ohne Wasser keine Ernährungssicherheit
Ernährungsunsicherheit und Wassermangel sind eng miteinander verbunden. Ohne sauberes Wasser ist es unmöglich, Lebensmittel angemessen zuzubereiten, grundlegende Hygienestandards einzuhalten oder Krankheiten vorzubeugen, die Mangelernährung verschärfen, insbesondere bei Kindern.
Neun von zehn Haushalten haben keinen ausreichenden Zugang zu Trinkwasser. Gleichzeitig ist der Zugang zu Latrinen für 86 Prozent der Haushalte eingeschränkt. Die daraus resultierenden Gesundheitsrisiken verschärfen insbesondere die Mangelernährung von Kindern.
Eine Generation wächst im Krieg auf
Für viele Kinder in Gaza sind Vertreibung, Unsicherheit und eingeschränkter Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen seit Jahren Teil des Alltags. Krieg ist für sie keine vorübergehende Unterbrechung ihres Lebens, sondern das Umfeld, in dem sie aufwachsen. Die Folgen dieser Realität werden ihre Gesundheit, Bildung und Zukunftsperspektiven noch lange prägen.
„Der anhaltende Mangel an essenziellen Nährstoffen in dieser Lebensphase verursacht dauerhafte Schäden für die körperliche, ernährungsbezogene und kognitive Entwicklung“, so Poitou weiter. „Neben den körperlichen Folgen beeinträchtigen die anhaltende Vertreibung und Entbehrung auch die psychische Gesundheit der Kinder und ihrer Familien erheblich. Sie sind tagtäglich unhygienischen Lebensbedingungen und vielfältigen Risiken ausgesetzt.“
Gaza als Warnung für die Zukunft
Aktion gegen den Hunger bekundet seine Anteilnahme mit allen vom Konflikt betroffenen Zivilpersonen. Die Organisation erkennt die tiefgreifenden Auswirkungen der Angriffe in Israel vom 7. Oktober 2023, die zahlreiche Todesopfer forderten und vielen Menschen großes Leid zufügten, ebenso an wie die verheerenden Folgen des anschließenden Konflikts für die palästinensische Zivilbevölkerung in Gaza, im Westjordanland und in Ost-Jerusalem.
Drei Jahre nach Beginn des Krieges zeigt Gaza, wie die Zerstörung kritischer Infrastruktur, eingeschränkter humanitärer Zugang und die zunehmende Abhängigkeit von Hilfeleistungen eine Notlage in eine anhaltende Hungerkrise ohne absehbare Erholung verwandeln können.
Die Krise beschränkt sich jedoch nicht auf Gaza. Im Westjordanland sind nahezu 41.000 Palästinenserinnen und Palästinenser vertrieben. Auch dort stellen Bewegungseinschränkungen, Ernährungsunsicherheit und begrenzter Zugang zu Wasser zentrale Herausforderungen dar. Zudem weist die Organisation auf die Lage im Libanon hin, wo die aktuelle humanitäre Krise eine direkte Folge der Eskalation des Konflikts ist.
Angesichts dieser Entwicklung fordert Aktion gegen den Hunger einen sicheren und dauerhaften humanitären Zugang, den Schutz der Zivilbevölkerung sowie verstärkte Maßnahmen zur Sicherung von Ernährung, Wasser und Gesundheitsversorgung, damit eine Krise, die vor drei Jahren begann, nicht auch weiterhin die Zukunft von Millionen Menschen prägt.
Aktion gegen den Hunger arbeitet seit 2002 in den besetzten palästinensischen Gebieten.
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