Ali Ahmeds Kind auf dem Schoß der Mutter

Jemen in der Ernährungskrise: Zwei Drittel der Bevölkerung brauchen humanitäre Hilfe zum Überleben

Im Jemen stürzen Krieg, Vertreibung, Inflation und einbrechende Einkommen Tausende von Familien in eine dramatische Ernährungsunsicherheit. Da die Preise in die Höhe schnellen und Arbeitsplätze knapp werden, können es sich viele Menschen nicht mehr leisten, ihre Grundbedürfnisse zu decken. 

Bis 2026 werden 23,1 Millionen Menschen, also 65,4 Prozent der Bevölkerung, lebenswichtige humanitäre Hilfe benötigen. 

Im Jemen haben fast die Hälfte aller Kinder Entwicklungsstörungen 

In einem Land mit rund 40 Millionen Einwohner*innen sind mehr als 18 Millionen Menschen von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen – fast die Hälfte der geschätzten Gesamtbevölkerung –, darunter 5,8 Millionen in Notsituationen. Rund 40.000 Menschen könnten in katastrophale Ernährungsunsicherheit geraten. Derzeit leiden im Land 2,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren an akuter Unterernährung, einer schweren und potenziell tödlichen Erkrankung. Akute Unterernährung schwächt das Immunsystem erheblich und hemmt die körperliche Entwicklung. Fast die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren im Jemen ist in ihrer Entwicklung gehemmt. [1] 

In dieser Notsituation beobachten die Teams von Aktion gegen den Hunger einen alarmierenden Anstieg der Mangelernährung bei Kindern. Verschärft wird die Situation durch die Schließung von mehr als 3.000 Ernährungsbehandlungszentren im Nordjemen [1] und die drohende Erschöpfung lebenswichtiger Vorräte. 

Im Gouvernement Hodeida und insbesondere im Bezirk Al Khawkhah, wo Aktion gegen den Hunger mehrere Gesundheitszentren unterstützt, ist ein kritischer Punkt erreicht. Der wachsende Zustrom von Familien aus benachbarten Gebieten, in denen keine Versorgung mehr gewährleistet ist, erhöht den Druck auf die lokalen Gesundheitseinrichtungen. 

Gesundheitszentren im Gouvernement Hodeida unter Druck 

Im Bezirk Al Khawkhah, der nahe der Frontlinie liegt, ist die Ernährungslage alarmierend. Tausende von vertriebenen Familien leben dort unter prekären Bedingungen, sind von Ernährungsunsicherheit bedroht und haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. 

Im Gesundheitszentrum Al Marashidah im Bezirk Al Khawkhah führen Teams von Aktion gegen den Hunger Sprechstunden für Kinder und Erwachsene durch. Neben der Verabreichung wichtiger Impfungen und der Behandlung der häufigsten Krankheiten (Malaria, Durchfall, Anämie und Tuberkulose) untersuchen, behandeln und überwachen sie auch Fälle von Mangelernährung bei Kindern unter fünf Jahren und bieten Müttern ernährungsbezogene und psychosoziale Unterstützung. 

Eine Mitarbeiterin von Aktion gegen den Hunger im Jemen untersucht ein Mädchen auf Mangelernährung.
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In den Gesundheitszentren, die Aktion gegen den Hunger im Jemen unterstützt, liegt der Schwerpunkt auf der Behandlung von mangelernährten Kindern. Ihre Familien erhalten währenddessen ebenfalls Ernährungshilfe und psychosoziale Unterstützung.

In diesem Gesundheitszentrum zeugt der Anstieg der Beratungen vom Ausmaß der Krise. In jüngster Vergangenheit hat sich die Zahl der Patient*innen fast verdreifacht und erreicht bis zu 100 Patient*innen pro Tag. Für Abdo Salem, den Leiter des von Aktion gegen den Hunger unterstützten Gesundheitszentrums in Al Marashidah, ist die Schlussfolgerung klar: 

 

„Wenn dieses Zentrum nicht existieren würde, hätten unterernährte Kinder keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, und es gäbe Todesfälle.“

Abdo Salem, Leiter des von Aktion gegen den Hunger unterstützten Gesundheitszentrums in Al Marashidah

Dieses Zentrum für medizinische Grundversorgung liegt im Herzen eines Gebiets, in dem der humanitäre Bedarf enorm ist. Es versorgt etwa ein Dutzend Dörfer und bietet unverzichtbaren Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen in einem Umfeld, in dem es kaum Alternativen gibt. In der Region unterstützt Aktion gegen den Hunger auch die Zentren in Abu Zahir, Al Qatabah und Moshig sowie ein Zentrum zur Ernährungsstabilisierung, das sich um Kinder kümmert, die an schwerer akuter Mangelernährung mit Komplikationen leiden. 

Zusammen sind diese Einrichtungen oft die einzigen Gesundheitsdienste, die Tausenden von schutzbedürftigen Menschen, insbesondere durch den Krieg vertriebenen Familien, zur Verfügung stehen. 

Ali, Vater einer im Al-Saad-Lager lebenden Familie 

Das Al-Saad-Lager, das vom Gesundheitszentrum Al Marashidah versorgt wird, beherbergt mehr als 400 vertriebene Familien. 

Unter ihnen ist Ali Ahmed Faid Al-Sahid, 40, der mit seiner Frau und sieben Kindern im Alter zwischen 12 Jahren und gerade einmal 9 Monaten lebt. Wie tausende jemenitische Familien waren Ali und seine Familie aufgrund von Kämpfen, Angriffen und der ständigen Gefahr durch Landminen gezwungen, aus ihrem Dorf zu fliehen. 

Ali Ahmed Faid Al-Sahid und seine Familie
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Ali Ahmed Faid Al-Sahid und seine Familie sind eine von tausenden Familien, die nicht mehr wissen, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen. Sie leben in extremer Armut. Zwar findet Ali tageweise Arbeit, doch die Preise sind so hoch, dass das Geld einfach nicht ausreicht für genügend Lebensmittel.

Seit nunmehr fünf Jahren leben sie in extremer Armut. Ali gelingt es gelegentlich, einen Tag Arbeit in einem Restaurant oder auf den Feldern zu finden, womit er umgerechnet 5.000 jemenitische Rial verdient – nicht genug, um seine Familie zu ernähren. Seit Kriegsbeginn sind die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe geschossen: Unverzichtbare Güter, insbesondere Mehl, das mittlerweile für rund 50.000 Rial pro Sack verkauft wird, sind fast unerschwinglich geworden.  

„Ein Sack Mehl kostet mehr, als ich in mehreren Tagen verdiene. Vor dem Krieg konnten wir alles kaufen; jetzt können wir fast nichts mehr kaufen.“

Ali Ahmed Faid Al-Sahid, Familienvater

Dieser Preisanstieg stürzt die Haushalte in chronische Ernährungsunsicherheit, mit einem Mangel an Gemüse und nahrhaften Lebensmitteln. Zu dieser prekären Lage kommt dazu, dass auch sauberes Trinkwasser viel zu schwer zugänglich ist. Die nächste Quelle ist weit vom Lager entfernt, und da sie keine Transportmittel haben, müssen Familien wie die von Ali lange Strecken zu Fuß zurücklegen, um unzureichende Mengen Wasser zu holen. In diesem Zusammenhang nehmen Fälle von Unterernährung sprunghaft zu. Und Alis Kinder bleiben davon nicht verschont. 

Im Lager Al Saad führen von Aktion gegen den Hunger geschulte Freiwillige wöchentliche Besuche durch, um Kinder zu untersuchen, Nahrungsergänzungsmittel zu verteilen, Risikofälle zu überwachen und Familien zu informieren. Dank ihres Besuchs wurde Alis Familie an das Al-Marashidah-Zentrum überwiesen. „Die Freiwilligen kamen zu uns, sobald wir ankamen. Wir wussten nichts über das Al-Marashidah-Zentrum, also haben sie es uns erklärt“, erklärt Ali. Bei diesem Besuch stellten die Freiwilligen bei einem seiner Kinder Unterernährung fest und überwiesen es zur lebenswichtigen Versorgung an das Zentrum. „Im Zentrum wurden wir freundlich empfangen, man nahm Maße und sagte, mein Kind müsse ins Krankenhaus… Es war wirklich sehr schwach,“, berichtet Ali. 

Sein Kind wurde sofort aufgenommen und erhielt eine Ernährungstherapie sowie Medikamente, wodurch sich sein Zustand stabilisierte. 

Heute beobachten Freiwillige seinen Fall weiterhin im Lager. „Ein Team von Freiwilligen kommt zu uns, um mein Kind zu untersuchen, seinen Zustand zu beurteilen, ihm Nahrungsergänzungsmittel zu geben und sicherzustellen, dass alle Impfungen gemacht werden. Die Situation war kritisch. Heute verbessert sich sein Zustand, es geht meinem Kind viel besser, auch wenn es noch nicht vollständig genesen ist“, sagt er. 

Bis heute werden zwei der Kinder der Familie weiterhin von Freiwilligen von Aktion gegen den Hunger betreut. 

Freiwillige: Akteure an vorderster Front der humanitären Hilfe 

Freiwillige aus der Gemeinde spielen eine entscheidende Rolle im Kampf gegen Mangelernährung. Sie ermöglichen es, isolierte Familien zu erreichen, falsche Praktiken zu korrigieren und Früherkennungsuntersuchungen zu erleichtern. 

Jeden Monat erreichen von Aktion gegen den Hunger geschulte Freiwillige aus der Gemeinde im Bezirk Al Khawkhah zwischen 800 und 1.000 Familien. Dies ist eine immense Leistung in einem Gebiet, in dem die Entfernungen groß und die Fortbewegung schwierig sind. Ahmed Youssef leitet die Freiwilligen im Gesundheitszentrum Moshig für Aktion gegen den Hunger und betreut allein mehr als zehn Dörfer. Er sagt unverblümt: „Ohne Aufklärung wäre es eine Katastrophe: Krankheiten würden sich ausbreiten, die Zahl schwerer Fälle würde steigen und Kinder würden sterben.“ 

Diese Aufklärungsarbeit stützt sich insbesondere auf Freiwillige, die als „Lead Mothers“ bezeichnet werden. Diese aus der Gemeinde stammenden Freiwilligen, die von Aktion gegen den Hunger geschult wurden, tragen dazu bei, tief verwurzelte Ernährungsgewohnheiten zu verändern. Diese Gewohnheiten, wie das Verabreichen von Zuckerwasser an Neugeborene, die zu frühe Einführung von Keksen oder Fertigprodukten oder das vorzeitige Beenden des ausschließlichen Stillens, können zu Unterernährung führen. 

Mona Hussein, eine Lead Mother für Aktion gegen den Hunger, betreut fast hundert Familien. Dank ihrer Bemühungen haben die Familien ein besseres Verständnis für die Risiken: „Mütter wissen jetzt, wie sie die Anzeichen von Unterernährung erkennen können. Früher war ihnen nicht bewusst, wie ernst die Lage war. Jetzt kommen sie zu uns, um Rat zu holen“, sagt Mona. 

In diesen Schulungen lernen die Mütter, wie wichtig das ausschließliche Stillen für sechs Monate ist, wann und wie sie Wasser zuführen sollten, welche Nahrungsmittel sie während der Entwöhnung geben sollten, wie sie die ersten Anzeichen von Unterernährung erkennen und wann sie ärztlichen Rat einholen müssen. 

Diese Aufklärungssitzungen verändern die Gewohnheiten vieler Mütter, darunter auch die der 23-jährigen Yasmeen. Bevor sie Mona traf, folgte sie den von früheren Generationen überlieferten Praktiken, ohne sich der damit verbundenen Risiken bewusst zu sein. „Wir taten, was unsere Großmütter uns beigebracht hatten. Wir wussten nicht, dass das Kinder krank machen kann“, sagt Yasmeen. Heute sind ihre Kinder gesünder, und die Fälle von Unterernährung sind in ihrem Dorf deutlich zurückgegangen. 

Eine freiwillige Mitarbeiterin von Aktion gegen den Hunger im Jemen.
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Freiwillige Helfer*innen sind das Rückgrat der von uns unterstützten Gesundheitszentren im Jemen.

Zwar ist die Fortsetzung der Vorsorgeuntersuchungen und Aufklärungssitzungen in den Gemeinden unerlässlich, doch die Lage im Lager Al Saad bleibt alarmierend, wie die 25-jährige Nadia Ali Suleiman erklärt. Als ehrenamtliche Helferin im Lager kümmert sie sich allein um mehr als 50 Kinder – darunter auch die aus Alis Familie – und beobachtet, dass viele Kinder selbst nach erfolgreicher Behandlung erneut an Mangelernährung erkranken. „Nach der Genesung können sich die Familien keine Lebensmittel leisten. Die Kinder erkranken erneut. Es ist ein endloser Kreislauf“, erklärt sie. 

Zusätzlich zu dieser strukturellen Unsicherheit sehen sich humanitäre Akteure mit erheblichen operativen Einschränkungen konfrontiert. Unterbrechungen und Verzögerungen bei der Lieferung von gebrauchsfertigen therapeutischen Nahrungsmitteln, die für die Behandlung akuter Mangelernährung unerlässlich sind, führen in Verbindung mit der Unregelmäßigkeit humanitärer Finanzhilfen zu anhaltend hoher akuter Ernährungsunsicherheit. Die drohende Erschöpfung der lebenswichtigen Vorräte gefährdet die Kontinuität lebenswichtiger Maßnahmen. 

Diese Realität verdeutlicht die Fragilität des Systems: Ohne eine nachhaltige Deckung der Grundbedürfnisse wird die Unterernährung fortbestehen. 

Die Weltgemeinschaft darf den Blick nicht verschließen vor humanitären Krisen wie im Jemen, die Millionen Menschen betreffen. Eine Welt ohne Hunger erreichen wir nur gemeinsam. 

Aktion gegen den Hunger setzt sich daher sowohl vor Ort in Projekten, als auch weltweit politisch dafür ein, dass humanitäre Krisen gesehen werden und Wege geschaffen werden, um sie zu lösen. Sowohl Nothilfe als auch langfristige Unterstützung vor Ort sind enorm wichtig. Doch grundlegende Strukturen, etwa im weltweiten Ernährungssystem, aber auch in anderen wirtschaftlichen Fragen, müssen angepasst werden. 

Wie hilft Aktion gegen den Hunger im Jemen?

Wir unterstützen verstärkt Gesundheitszentren, klären über Hygienemaßnahmen auf und verteilen Geld an die Menschen, die durch den Krieg ihre Arbeit verloren haben und ihre Familien nicht mehr ernähren können. Die Mitarbeiter*innen von Aktion gegen den Hunger kämpfen unermüdlich dafür, das Leid der Menschen zu lindern und Leben zu retten: 

  • Wir unterstützen Menschen mit Lebensmitteln, Essensgutscheinen oder Bargeldhilfen, diagnostizieren Mangelernährung und behandeln akut mangelernährte Kinder in unseren Gesundheitsstationen und durch mobil einsetzbare Teams.
  • Wir behandeln Schwangere und Stillende, überwachen ihren Ernährungszustand helfen ihnen dabei, festgefahrene Ernährungsmuster aufzubrechen und ihre Familien mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gesund zu ernähren. 
  • Wir stellen die Versorgung der Menschen mit Trinkwasser sicher. Dazu fahren wir mit Wassertank-Trucks in entlegene Gebiete, bauen und reparieren Brunnen und Wasserstellen oder stellen Keramikfilter oder Wasserreinigungstabletten zur Verfügung. Unsere Mitarbeitenden schulen Gemeinden in einfachen Hygienepraktiken, damit Krankheiten vorgebeugt wird.

Nothilfe gehört zu unseren Grundaufgaben im Jemen. Doch auch langfristig arbeiten wir daran, dass sich Familien ihren Lebensunterhalt wieder selbst finanzieren können. Dafür braucht es auch politische Unterstützung und ein Verständnis der Allgemeinheit über die Situation der Bevölkerung. Wir werden nicht müde, darauf hinzuweisen und uns auf allen Ebenen für eine Welt ohne Hunger für alle einzusetzen. 

 

[1] Jemen | Global Humanitarian Overview 2026 | Humanitäre Hilfe 

26. MÄRZ 2026
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