Von einem Mitglied des Ernährungsteams von Aktion gegen den Hunger im Gazastreifen
Dieser Bericht basiert auf meiner Arbeit bei Aktion gegen den Hunger im Gazastreifen und auf einem Gespräch vor Ort mit Aya Kassa (Name aus Sicherheitsgründen geändert), einer vertriebenen Mutter von sechs Kindern und Teilnehmerin an unseren Programmen.
Drei Jahre Krieg sind nicht nur 1.095 Tage im Kalender; sie sind genau die Zeitspanne, die nötig ist, um zu sehen, wie ein ganzes Leben zerstört wird. Als humanitäre Helferin bei Aktion gegen den Hunger im Gazastreifen habe ich unzählige Familien begleitet, die durch den Konflikt alles verloren haben. Aya ist eine von ihnen. Direkt zu Beginn der Eskalation im Oktober 2023 wurden sie und ihre Familie gezwungen, aus ihrem Zuhause im nördlichen Gazastreifen zu fliehen und das Geschäft ihres Mannes sowie das Gefühl der Sicherheit, das sie für ihre sechs Kinder aufgebaut hatten, zurückzulassen.
Ich erinnere mich ganz genau an meine Begegnung mit Aya. Es war gegen 9 Uhr morgens an einem heißen Tag im vergangenen September. Unser Gespräch fand in dem kleinen Zelt im Lager für Vertriebene statt, das nun das Zuhause ihrer Familie ist. Der Lärm draußen war unaufhörlich und ohrenbetäubend, und während unseres gesamten Gesprächs waren wir umgeben vom Dröhnen der Autos, den Rufen der Menschen und dem Gemurmel der Nachbarn – ein Spiegelbild der extremen Überbelegung im Lager.
Durch Ayas Augen verstand ich, was die Welt aus der Ferne zu vergessen scheint: Ein Jahr unter Bomben zu ertragen ist nicht dasselbe, wie zwei Jahre Elend zu ertragen, was wiederum nicht dasselbe ist, wie drei Jahre der völligen Zerstörung der eigenen Existenz zu ertragen.
Der fortschreitende Niedergang: vom Verlust von allem bis zum Kampf ums Überleben
In Ayas Zelt war die Kargheit überwältigend: Es gab nur zwei Matratzen und ein paar Kissen, und Küche und Bad teilten sich denselben offenen Raum. Dennoch strahlte sie Gelassenheit aus. Sie trug ihren Jilbab – ein weites, traditionelles Gewand – und ihr traditionelles Kopftuch, den Hijab, und trotz der Härte ihrer Umgebung war ihre Stimme warm und sie hörte nie auf zu lächeln.
Aya erzählte mir von ihrem Leben vor dem Krieg: eine neu gekaufte Wohnung mit Garten, ein florierendes Geschäft und ihre Kinder, die eine Privatschule besuchten. Als sie nach der Eskalation des Konflikts floh, nahm sie nur zwei Decken mit, in der Erwartung, in wenigen Tagen zurückzukehren. Es ist herzzerreißend, wenn man bedenkt, dass diese beiden Decken während sechs Monaten bitterer Kälte im ersten Konfliktwinter die einzige Wärmequelle für ihre ganze Familie waren.
Im Laufe der Zeit verlor sie geliebte Menschen, ihr Zuhause, ihr Auto und ihre Ersparnisse. Ihre Familie erlebte einen Sturz von einem stabilen Leben in erzwungene Vertreibung und unhygienische Lebensbedingungen. Ein allmählicher Niedergang, der sie nun dazu gebracht hat, in diesem Zelt, in dem wir uns unterhalten, ein karges Dasein zu fristen – wo Regenwasser durch den Boden sickert und ihre Kinder Feuchtigkeit, Insekten und streunenden Hunden ausgesetzt sind.
Ihre Geschichte bestätigt, was ich auf meinen Reisen durch die Siedlungen schon so oft gesehen habe: dass ein langwieriger Konflikt nach und nach jegliche Lebensgrundlage untergräbt. Drei Jahre später ist das, was wie eine vorübergehende Krise schien, nun ein täglicher Kampf ums Überleben.
Drei Jahre Konflikt: Die Zerstörung eines Ernährungssystems
Internationale Fachberichte sprechen in Gaza nicht mehr von einer „Hungersnot“. Doch wenn Aya sich sehnsüchtig an die gemeinsamen Mahlzeiten mit Fleisch und Gemüse vor drei Jahren erinnert, wird mir klar, dass das Fehlen eines Fachbegriffs nicht bedeutet, dass die Familien nicht mehr hungern: Mehr als 1,4 Millionen Menschen wie sie sind weiterhin von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. Aya kann wie so viele Menschen in Gaza nicht sicher sagen, dass ihre Familie morgen genügend Lebensmittel auf dem Teller haben wird. Meistens haben sie das nicht.
Als alles begann, erzählte sie mir, hatte ihr Körper trotz des Mangels an Nahrung noch Kraft. Doch nach drei Jahren der Entbehrung ist ihre körperliche Belastbarkeit mittlerweile erschöpft. Sie vertraute mir an, dass sie schlaflose Nächte damit verbringt, sich zu fragen, wie sie ihre Kinder am nächsten Tag ernähren soll. Sie essen einmal am Tag, meist Linsen. Ihre Kinder sammeln Plastik von der Straße, um damit zu kochen, da es kein Gas gibt, und sie legen weite Strecken zurück, nur um einen Krug Wasser zu holen. So wird ein Ernährungssystem zerstört: Felder, Märkte und Wasserversorgungsnetze werden verwüstet. Den Gemeinschaften wird die Möglichkeit genommen, ihre eigenen Lebensmittel zu produzieren, zu handeln, zu kochen und zu verzehren, bis sie vollständig von externer Hilfe abhängig werden.
Doch der heutige Hunger ist nicht die einzige Sorge. Die Wiederherstellung von Ackerland, Märkten und Wasserversorgungssystemen wird Jahre dauern – lange nachdem die Waffen verstummt sind. Die physischen und emotionalen Folgen dieser Verwüstung werden noch Jahrzehnte nachwirken.
Eine Generation, die inmitten des Konflikts geboren und aufgewachsen ist
Während ich Aya dabei beobachtete, wie sie ihr schlafendes Baby in den Armen wiegte, fragte ich mich, was die Zukunft für eine ganze Generation bereithält, die vollständig inmitten des Krieges geboren und aufgewachsen ist. Sie erzählte mir, dass sie mitten in den Bombenangriffen feststellte, dass sie schwanger war. Sie litt unter schwerer Anämie, brach auf der Straße zusammen, und ihr Baby kam mit akuter Unterernährung in eine Welt voller Trümmer zur Welt. Dieses Baby kennt nichts anderes als diesen Konflikt.
Aya vertraute mir an, dass sich die Träume ihrer Kinder heute, wenn sie schlafen, darum drehen, sauberes Wasser zu finden oder in der Schlange vor einer Gemeinschaftsküche zu stehen. Drei Jahre ohne nahrhaftes Essen, ohne angemessene Gesundheitsversorgung, ohne menschenwürdige Unterkunft, ohne Schulen und unter ständigem Stress verändern ihre körperliche und kognitive Entwicklung unwiderruflich. Das ist Gazas tiefste und am wenigsten sichtbare Narbe: eine Generation, die für immer von einer Realität gezeichnet ist, die sie sich nie ausgesucht hat.
Eine Warnung für die Zukunft und ein Aufruf zur Würde
Mit Nahrungsmittelhilfe, Hygieneartikeln und finanzieller Unterstützung begleitete das Team von Aktion gegen den Hunger in Gaza Aya, bis ihr Baby die akute Mangelernährung überwunden hatte. Heute wird das kleine Mädchen ein Jahr alt. Ihr Lächeln zu sehen, beweist, dass Hilfe wirkt und den Familien wieder Hoffnung gibt.
Für unsere Teams vor Ort dient die Erfahrung in Gaza auch als Lernmöglichkeit für künftige Krisen. Da wir seit Beginn des Konflikts vor Ort sind und seit Jahren auf eine Notsituation dieser Größenordnung reagieren, konnten wir erkennen, was funktioniert, welche Hindernisse wir vorhersehen müssen und wie wir unsere Maßnahmen an Situationen extremer Not anpassen können. Dieses Wissen wird entscheidend sein, um in Zukunft effektiver und schneller auf Krisen ähnlicher Schwere und Komplexität reagieren zu können.
Nach drei Jahren vor Ort ist unsere Botschaft klar: Wir fordern einen sofortigen und wirksamen Waffenstillstand, den Schutz der Zivilbevölkerung und die Würde, die sie braucht, um ihr Leben wieder aufzubauen. Wir fordern außerdem Schutz für humanitäre Helfer*innen und Gesundheitspersonal, da ein Ende der Bombardierungen noch keinen sicheren Zugang für Hilfslieferungen garantiert. Als ich mich von Aya verabschiedete, wurde mir klar, warum wir hierbleiben müssen. Sie und ihre Familie verdienen es, zu leben – und nicht nur zu überleben. Denn ein menschenwürdiges Dach über dem Kopf, Wasser, Nahrung und Frieden sind keine Privilegien, sondern Grundrechte, die uns allen zustehen sollten.