Weitflächig zerstörtes Viertel im Gazastreifen

Gaza: Über 50 Organisationen warnen vor den Folgen der Registrierungsmaßnahmen Israels

Die jüngsten Registrierungsmaßnahmen Israels drohen die Arbeit internationaler Nichtregierungsorganisationen (INGOs) zu einem Zeitpunkt zu unterbinden, an dem die Zivilbevölkerung trotz des Waffenstillstands im Gazastreifen unter akuten und weitreichenden humanitären Notlagen leidet. Am 30. Dezember erhielten 37 INGOs eine offizielle Mitteilung, dass ihre Registrierungen am 31. Dezember 2025 auslaufen werden. Damit wird eine 60-tägige Frist ausgelöst, nach deren Ablauf die Organisationen ihre Arbeit im Gazastreifen und im Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, einstellen müssten.

Internationale Nichtregierungsorganisationen sind ein wesentlicher Bestandteil der humanitären Hilfe und arbeiten mit den Vereinten Nationen und palästinensischen Organisationen der Zivilgesellschaft zusammen, um lebensrettende Hilfe in großem Umfang zu leisten. Die Vereinten Nationen, das Humanitarian Country Team (HCT) und die Geberregierungen haben wiederholt bekräftigt, dass internationale Nichtregierungsorganisationen für Maßnahmen der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit unverzichtbar sind, und Israel aufgefordert, seinen Kurs zu ändern.

Trotz des Waffenstillstands ist der humanitäre Bedarf nach wie vor extrem hoch. In Gaza lebt jede vierte Familie von nur einer Mahlzeit pro Tag. Winterstürme haben Zehntausende Menschen vertrieben, sodass 1,3 Millionen Menschen dringend eine Unterkunft benötigen. Internationale Nichtregierungsorganisationen leisten mehr als die Hälfte der gesamten Nahrungsmittelhilfe in Gaza, betreiben oder unterstützen 60 Prozent der Feldlazarette, führen fast drei Viertel der Aktivitäten im Bereich Unterkunft und Non-Food-Artikel durch und versorgen alle Kinder mit schwerer akuter Unterernährung. 

Ihr Abzug würde zur Schließung von Gesundheitseinrichtungen, zur Einstellung der Lebensmittelverteilung, zum Zusammenbruch der Unterbringungsmöglichkeiten und zur Unterbrechung lebensrettender Versorgung führen. Im Westjordanland führen anhaltende Militärrazzien und Gewalt durch Siedler*innen weiterhin zu Vertreibungen. Weitere Einschränkungen für internationale Nichtregierungsorganisationen würden die Reichweite und Fortführung lebensrettender Hilfe in einem kritischen Moment stark einschränken.

Zugang zu humanitärer Hilfe ist eine Verpflichtung nach humanitärem Völkerrecht

Jüngste Bemühungen, die Auswirkungen der Deregistrierung von INGOs anhand selektiver Kennzahlen zu bewerten, geben nicht wieder, wie humanitäre Hilfe in der Praxis geleistet wird. Der Zugang zu humanitärer Hilfe muss daran gemessen werden, ob die Zivilbevölkerung die richtige Hilfe am richtigen Ort und zur richtigen Zeit erhält.

Internationale Nichtregierungsorganisationen arbeiten unter strengen, von den Gebern vorgeschriebenen Compliance-Rahmenbedingungen, darunter Audits, Kontrollen zur Bekämpfung der Terrorismusfinanzierung und Sorgfaltspflichten, die internationalen Standards entsprechen, trotzdem wurden seit dem 7. Oktober 2023 mehr als 500 humanitäre Helfer*innen getötet. Das Herausgeben sensibler personenbezogener Daten an eine Konfliktpartei würde nicht nur gegen das humanitäre Grundgesetz, sondern auch gegen die Sorgfaltspflicht und Datenschutzverpflichtungen verstoßen. Falsche Darstellungen delegitimieren humanitäre Organisationen, gefährden Mitarbeitende und untergraben die Bereitstellung von Hilfe.

Das ist keine technische oder administrative Angelegenheit, sondern eine bewusste politische Entscheidung mit vorhersehbaren Folgen. Wenn zugelassen wird, dass die Registrierungen auslaufen, wird die israelische Regierung humanitäre Hilfe in großem Umfang behindern. Der Zugang zu humanitärer Hilfe ist nicht verhandelbar, nicht an Bedingungen geknüpft und nicht politisch motiviert, sondern eine rechtliche Verpflichtung nach dem humanitären Völkerrecht. Dieser Schritt würde auch einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen, indem er die israelische Autorität über humanitäre Operationen in den besetzten palästinensischen Gebieten ausweitet, was im Widerspruch zu den international anerkannten rechtlichen Rahmenbedingungen für das Gebiet und die Rolle der Palästinensischen Autonomiebehörde steht.

Wir fordern die israelische Regierung auf, die Aufhebungsverfahren unverzüglich einzustellen und die Maßnahmen zur Behinderung humanitärer Hilfe zu stoppen. Wir fordern die Geberregierungen nachdrücklich auf, alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, um die Aussetzung und Rücknahme dieser Maßnahmen zu erreichen. Unabhängige, prinzipientreue humanitäre Operationen müssen geschützt werden, um sicherzustellen, dass die Zivilbevölkerung die dringend benötigte Hilfe erhalten kann.

Hinweis an die Redaktionen:

  • Die Rolle der internationalen Nichtregierungsorganisationen ist in allen humanitären Bereichen unersetzlich:
    • Gesundheit: INGOs betreiben oder unterstützen etwa 60 Prozent der Feldlazarette im Gazastreifen. Eine Aufhebung der Registrierung würde zur sofortigen Schließung von etwa einem Drittel der Gesundheitseinrichtungen führen,
    • Ernährungssicherheit: INGOs lieferten 2024 mehr als die Hälfte aller Nahrungsmittelhilfen, darunter den Großteil der Verteilungsstellen für gekochte Mahlzeiten.
    • Unterkünfte: INGOs haben fast drei Viertel aller Aktivitäten im Bereich Unterkünfte und Non-Food-Artikel durchgeführt. Derzeit befinden sich etwa 600.000 Unterbringungsartikel in den Lieferketten der INGO.
    • Wasser und Sanitärversorgung: INGOs liefern 42 Prozent aller WASH-Dienstleistungen, einschließlich der Prävention und Bekämpfung von akut wässrigem Durchfall.
    • Ernährung: INGOs unterstützen alle fünf Stabilisierungszentren, die Kinder mit schwerer akuter Unterernährung behandeln, was 100 Prozent der Behandlungskapazitäten in Gaza entspricht.
    • Minenräumung: INGOs stellen mehr als die Hälfte aller Mittel für die Beseitigung von Sprengstoffgefahren bereit. Der Wegfall der INGOs würde zu einer Kapazitätsreduzierung von bis zu 100 Prozent führen.
    • Bildung: INGOs betreiben oder unterstützen rund 30 Prozent der Notfallbildungsmaßnahmen, die bereits nur einen begrenzten Teil der Bevölkerung im schulpflichtigen Alter erreichen.
  • Humanitäre Organisationen, die sich an Grundsätze halten, können keine sensiblen personenbezogenen Daten von nationalen Mitarbeitenden oder deren Familien weitergeben. Das steht im Einklang mit humanitären Grundsätzen, Sorgfaltspflichten und globalen Datenschutzstandards, die in allen Kontexten gelten.
  • Die Beschränkungen für internationale Nichtregierungsorganisationen wirken sich auch direkt auf palästinensische und israelische Partnerorganisationen aus, untergraben die lokalen Reaktionskapazitäten, stören die Finanzierungsströme und schwächen die gemeindebasierte Erbringung von Dienstleistungen in allen Sektoren.
  • Internationale Nichtregierungsorganisationen sind gesetzlich befugt, ihre Tätigkeit auszuüben, und bleiben ihrer Verpflichtung zur Bereitstellung humanitärer Hilfe durch Koordinierungssysteme der Vereinten Nationen und lokale Partnerschaften treu, während sie sich weiterhin für die Aufhebung von Maßnahmen einsetzen, die die Bereitstellung von Hilfe behindern.

Obwohl die Situation komplex ist, haben wir bei Aktion gegen den Hunger seit einiger Zeit mehrere mögliche Szenarien vorbereitet. Unsere Priorität bleibt das Wohlergehen und die Stabilität unserer Mitarbeitenden in den besetzten palästinensischen Gebieten sowie die Fortführung unserer Arbeit.

Aktion gegen den Hunger ist seit 2002 im Westjordanland und seit 2005 im Gazastreifen tätig, und wir bekräftigen unser Engagement, weiterhin Menschen zu unterstützen, die humanitäre Hilfe benötigen und verdienen.

Unterzeichnende Organisationen

1. Acs
2. Action Against Hunger (ACF)
3. Action for Humanity
4. ActionAid
5. American Friends Service Committee (AFSC)
6. Amnesty International
7. AOI - Cooperazione e Solidarietà internazionale - Italia
8. CADUS e.V.
9. Campaign for the Children of Palestine (CCP Japan)
10. CARE Canada
11. CARE International UK
12. Children are Not Numbers
13. Churches for Middle East Peace
14. CISS - Cooperazione Internazionale Sud Sud
15. Council for Arab-British Understanding (Caabu)
16. DanChurchAid
17. Danish Refugee Council
18. Diakonia
19. EducAid
20. Emergency NGO
21. Fondation Terre des hommes Lausanne
22. Glia
23. HEKS/EPER - Swiss Church Aid
24. Human Rights Solidarity
25. Humanity & Inclusion - Handicap International
26. INTERPAL
27. Islamic Relief
28. Japan International Volunteer Center (JVC)
29. Médecins du Monde - Suisse
30. Médecins du Monde - France
31. Médecins Sans Frontières
32. Medical Aid for Palestinians
33. medico international
34. Medicos Del Mundo (MDM - Spain)
35. Mennonite Central Committee
36. Middle East Children's Alliance
37. NORWAC ( Norwegian aid committee)
38. Norwegian Church Aid
39. Norwegian People's Aid
40. Norwegian Refugee Council
41. Oxfam
42. Pax Christi USA
43. Peace Winds Japan
44. Premiere Urgence Internationale
45. Quakers in Britain
46. Solidarités International
47. Terre des hommes Italy
48. Un Ponte Per
49. United Against Inhumanity
50. Vento di Terra ETS
51. War Child Alliance Foundation
52. War on Want
53. WeWorld-GVC

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Vassilios Saroglou / Markus Winkler
2. JANUAR 2026
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